WACHSSPIELE

Die Kinder vermissen ihren Kindergarten sehr. Das wird mir beim Frühstück schlagartig klar. “Tindergarten” nennt das Kleinkind seinen Betreuungsort liebevoll und spricht immer wieder von einem Mädchen, das ihr letztens das Spielzeug weggenommen hat. Ja, das Leben ist hart. Ich frage mich, was flirtwütige Singles dieser Tage so tun. Wohin verlagert sich deren Aktivität gerade? Weil ich digital nicht so bewandert bin, gebe ich das Grübeln schnell wieder auf. Die Erkenntnis: Als Ehefrau hat man durchaus Vorteile. Ich kann nämlich flirten bis zum Umfallen und muss dafür höchstens den Boden wischen. Und, die Flirtpartner sind erfreulicherweise recht unterschiedlich: mal ist es ein Vater mit zwei Kindern, mal ein IT-Fachmann im Homeoffice, mal ein Freak, der stundenlang sein Aquarium putzt. Ein Koch, der auf Krautfleckerl spezialisiert ist, war auch schon dabei und ein Gärtner mit hellgrünem Daumen. Und dafür brauch ich nicht einmal eine Internetverbindung.

Gestern jedenfalls hat der Biobauer unser Kistl gebracht, und neben Obst und Gemüse war dieses Mal auch ein großes Stück Ziegenkäse dabei. Eingewickelt in eine leuchtend grüne Wachsschicht. Das Großkind, das normalerweise nur eine bestimmte Sorte Käse und „sicher keine andere“ isst, will plötzlich unbedingt Käse essen. Nachdem es fast das ganze Stück allein verputzt hat, erkenne ich den Grund dafür. Mit entrücktem Lächeln rollt das Kind das übrig gebliebene Wachs zwischen den Fingern. So lange, bis es weich ist. Kugeln in unterschiedlichen Größen und kleine neongrüne Außerirdische belagern plötzlich unseren Frühstückstisch. Im Waldorf-Kindergarten gehört das Basteln mit Wachs zum Standardprogramm. Vor allem zu Anlässen, wie Weihnachten und Ostern.

Und da verstehe ich plötzlich. Ich Rabenmutter hab es echt nicht gecheckt. Die vielen Wutausbrüche, die Schreianfälle und das pubertäre „sicher nicht“ in gefühlt jeder Situation, in der ich etwas von meinem Großkind wollte. Das alles hatte einen Grund. Einen einzigen. Meinem Kind fehlt der Ausgleich. Es ist quasi auf Entzug. Wie ein Kaffeejunkie, dessen Kaffeevorrat leer ist oder ich, wenn die Schokolade aus ist. Wie konnte ich das nicht erkennen? Das meditative Wachsspiel ist die Lösung. Für alles. Quarantäne, Ausgangsbeschänkungen, Isolation. Für uns ab jetzt überhaupt kein Problem mehr. Ich fühle mich überlegen, wie Sherlock Holmes nach einem gelösten Fall oder wie nach einer Überdosis Online-Yoga. Mit entrücktem Lächeln klappe ich den Computer auf und bestelle eine XXL-Familienpackung Wachs.

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