SILVESTER

Seit Tagen schon redet das Großkind davon, dass es gerne mal wieder länger aufbleiben will. Es spürt, dass wir Eltern, aufgrund der Isolation, irgendwie verändert sind. Weil wir den ganzen Tag Jogginghosen anhaben und manchmal nicht wissen, welcher Tag ist. Weil ich begonnen habe mit mir selbst zu sprechen und der Mann sich manchmal im ehemaligen Wickelzimmer einschließt. Zum Arbeiten. Das Kind spürt, dass wir unsere Standfestigkeit verloren haben und schlägt beinhart zu. „Mama, kann ich heute bitte so lange aufbleiben wie zu Silvester?“ Also, gut. Wir haben eh keine Kraft mehr. Und so wird der 4. April 2020 für das Großkind zum neuen Silvester. Die Chinesen haben ja auch ein eigenes Datum für Neujahr. Warum nicht auch wir?

Von der zappeligen Euphorie der Großen kriegt das Kleinkind zum Glück nichts mit und schläft, wie gewohnt, um acht Uhr ein. Danach verwandelt sich das Wohnzimmer in einen bebenden Dancefloor. Wir tanzen zu „Girls just wanna have fun“. Eine Mischung aus Ringelreihen und raven. Die Vorhänge sind sicherheitshalber zugezogen. Ich habe mir vorgenommen ein bisschen Kulturvermittlung zu leisten. Quasi eine Einführung in meine musikalische Vergangenheit. Der Mann trägt das Übrige dazu bei. Mit einer Flasche Bier und einem Glas Baileys gesellt er sich zu uns. Die 90er sind zurück, und ich fühle mich schlagartig verjüngt. Von Krise keine Spur mehr. Corona und Midlife – für mich Fremdwörter.

Nächste Woche werde ich 40. Die Sonnen auf meiner Wetter-App grinsen mich zynisch an. Es kriegt zwanzig Grad. Im April. Deshalb habe ich beschlossen eine fette Party zu machen. Mit einer Hüpfburg im Garten (die Überreste der 40er Feier des Mannes) und Eistorte, geliefert von meinem Lieblings-Eissalon. 40 ist das neue 10! Irgendsowas hab ich unlängst in einer Frauenzeitschrift gelesen. Ist mir im Rahmen der Recherche zum Thema Midlifecrisis untergekommen. Von Berufs wegen muss ich mich oft mit seltsamen Themen auseinandersetzen. Weil man also in so jungen Jahren eh noch nicht ausgehen darf, bin ich heilfroh froh, dass Bars und Restaurants gerade geschlossen sind. Mit Freunden und Bekannten zu feiern hätte mich nur gestresst. Und was so eine Feier kostet, will ich mir gar nicht ausrechnen. Da gönn ich mir lieber eine doppelte Familienpackung Eis.

Verschwitzt setze ich mich auf die Couch. So eine Zeitreise in die Vergangenheit ist ganz schön anstrengend. Das Großkind kuschelt sich müde zu mir. Ich drücke es enger an mich und will sowas wie “Schatz, ich hab dich lieb” sagen. Stattdessen sagt das Kind: „Mama, du stinkst”. Ehrlichkeit tut so gut. Weil ich aber doch nicht arg genug stinke, kuschelt sich das Kind selig an mich und fragt: „Mama, warum hab ich eigentlich eine Schwester?“ Hallo? Wo kommt das denn plötzlich her? Es ist 22 Uhr und Silvester! Ich habe Schuldgefühle und Panik. Wahrscheinlich habe ich den Mann vorhin zu lange angesehen? Wahrscheinlich bin ich zu nah an ihm vorbeigetanzt? Das arme Kind hat die sexuellen Schwingungen mitbekommen. Jetzt wirds also ernst. Angestrengt formuliere ich eine Antwort. Da hakt das Kind nach „Warum gibt es manchmal eine Schwester und manchmal einen Bruder?“ Ich verstehe nicht. „Also, warum heißen die so?“ Ich verstehe die Frage noch immer nicht, höre mich aber sagen „weil das zwei schöne Worte sind.“

Plötzlich knallt es in der Küche. Die ersten Silvesterkracher. Der Duft von frischem Popcorn steigt mir in die Nase. Der Mann, der von der Dramatik des Gesprächs nichts mitbekommen hat, kommt mit einer großen Schüssel zu uns. Er rettet mich damit, und das werde ich ihm nie vergessen. Das Popcorn wird zum Highlight des Abends und der Sexualunterricht bis auf weiteres vertagt. Den Jahreswechsel hab ich übrigens auch dieses Mal verschlafen.

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