SEBASTIAN

Hätte ich geahnt was heute Nachmittag auf uns zukommt, hätte ich die Wohnung niemals verlassen. Motiviert und so als hätte ich wochenlang nichts Aufregendes erlebt – ach ja, ich habe wochenlang nichts Aufregendes erlebt. Mein Gefühl ist dieses Mal also nicht übertrieben – packe ich Gatschhosen, Käsebrote ohne Käse und diverse erzieherische Feinkniffe in den Rucksack und mache mit den Kindern einen Ausflug. Ich suche eine Route im Grünen, die genug Abenteuer für die Kleinen und genug Entspannung für mich bietet. Mit einem Bach zum Rumpantschen und Erdhaufen zum trickreichen Radfahren. Die Idee mit dem Radfahren hatten natürlich nicht nur wir, sondern auch zwei Burschen mit jungfräulichem Haarwuchs im Gesicht. Immer und immer wieder fahren sie an uns vorbei, die kleinen Hügel hinauf und wieder hinunter. Dabei strecken sie, in einer Art modernem Ausdruckstanz, Arme und Beine von sich und knallen uns obszöne Worte vor die Füße. Von zwei Meter Abstand kann jedenfalls nicht die Rede sein. Weil ich die letzten Tage eh schon genug gestritten habe, sage ich erstmal nichts. Die Burschen hingegen schon. Dass die Fahrräder der Kinder zu nah an der Strecke parken, und dass das nicht leiwand ist. Nicht leiwand fürs Driften. Bevor ich nachgrübeln kann, was driften nochmal genau bedeutet, sitze ich schon in einer Wolke aus Staub. Danke, so genau wollte ich es gar nicht wissen.

Nur damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Die Fahrradstrecke ist ein ausgetretener Pfad in einem kleinen Waldstück. Kein Dirtbike-Areal mit aufgemalten Linien oder Parkschildern. Es ist genug Platz für uns alle da. Und genau das erkläre ich den beiden Fahrrad-Rowdies – in klarer Sprache, andächtigem Tonfall und mit elterlichem Blick. Schließlich bin ich ja eine Autoritätsperson. Doch das sehen hier nicht alle so. Als Antwort bekomme ich ein Naserümpfen und eine weitere Staubwolke. War die Welt da draußen schon immer so feindselig oder bin ich in der Quarantäne einfach sensibler geworden? Während ich so nachdenke, dem Singen der Vögel lausche und meinen Kindern beim Nachlaufen zuschaue, spüre ich, wie ich mich entspanne. Seit Wochen zum ersten Mal. Zumindest fühlt es sich so an. Bis eine Bubenstimme meine Idylle erschüttert. „Sie könnten schon besser auf ihre Kinder schauen“. Ich muss husten. Der Corona-Virus? Nein, wieder nur Staub. „Ihre Kinder laufen über den Weg und stören uns mega beim Radfahren“. Wenn King of the bike auch noch sagen würde, dass meine Kinder ein bisschen leiser sein sollten, würde es mich nicht wundern. Zurechtweisungen dieser Art bin ich gewohnt – von älteren Damen im Supermarkt oder frustrierten Managern in zu engem Laufdress. Aber von 12-Jährigen?

Ich versuche wieder staatstragend und vernünftig zu erklären, dass wir uns hier doch alle gleich frei bewegen könnten, schon sind die Burschen wieder weg. Zur Abwechslung lassen sie ein paar neue Schimpfwörter da. Danke, mir ist langsam eh schon fad geworden. Nun bin ich wieder beschäftigt und darf meinen Kindern erklären was „Hurensohn“ und „Orsch“ bedeutet. Genau so hab ich mir unseren lang ersehnten Ausflug vorgestellt. Allgemeinbildend und Blutdruck erhöhend. Ich überlege schon, ob die völlige Isolation nicht doch besser für meine Gesundheit ist, da sind die zwei Halbstarken wieder zurück. Wie bei einem Formel 1-Rennen drehen sie ihre Runden. Es ist genauso monoton und unerträglich, und in meinen Ohren dröhnt es. Ich frage mich, wie viele Runden sie wohl noch fahren müssen und wie viele Boxenstopps es gibt, als sich schon der nächste ankündigt. Der Kleinere der beiden bremst sich vor mir ein, schaut mir tief in die Augen und sagt „Sie schauen genauso aus wie die Bundeskanzlerin von der ÖVP“. Ich schwöre, genau so hat er es gesagt. Ich will schon erwidern, dass Sebastian Kurz doch viel größere Ohren hat als ich, und dass er ja,trotz etwas hoher Stimme, ein Mann ist, sage dann aber sicherheitshalber nichts. Ich räuspere mich nur und falte unbewusst die Hände vor meinem Bauch. Da durchfährt es mich wie ein Blitz. Verdammt, genau das macht der Sebastian auch immer. Wie kann das sein? Bin ich in der Quarantäne mutiert oder habe ich einfach zu viel Nachrichten geschaut? Hilflos schicke ich, wie es sich für eine konservative Bundeskanzlerin gehört, ein Stoßgebet zum Himmel: „Bitte lieber Gott, lass mich alles sein, nur nicht der Sebastian!“

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