PLÖTZLICH PRINZESSIN

Seit die Kinder auf der Welt sind, lebe ich wie im Märchen. Ständig umgeben von Figuren wie Rumpelstilzchen, Suppenkaspar und guten Feen, die mir nur leider nie einen Wunsch erfüllen. Märchen können ganz schön grausam sein. Denn statt einer Königin in einem prunkvollen Schloss, bin ich meist nur die fleißige Magd. Ab jetzt ist das aber Geschichte.

Vor ein paar Tagen haben die Kinder beschlossen, dass sie in der Wohnung mehr Platz zum Spielen brauchen. Kinder- und Wohnzimmer sind mittlerweile zu klein geworden. Verständlich. Zwischen Bauklötzen, Barbie-Wohnlandschaften und Fantasiewesen aus Klopapierrollen kann man ja kaum mehr durchgehen. Wie also spielen? Und so nehmen die Kinder kurzerhand das Elternschlafzimmer in Beschlag. Ehe ich protestieren kann, bauen sie schon Höhlen im Doppelbett und kämpfen gegen Drachen. Sie verwandeln das Zimmer in einen Hindernisparcours und nutzen das Bett als Trampolin. Ich lerne, echte Abenteuer finden dieser Tage nicht in den Köpfen, sondern in den Schlafzimmern statt. Weil die Kinder aber so schön spielen, störe ich sie nicht. Was soll schon passieren? Stifte und Kleber sind sicher im Schrank verwahrt, und auch die Seifenblasen-Dose ist zum Glück schon am Wohnzimmerteppich verschüttet worden. Also, alles gut. Alles gut, denke ich mir auch, als ich in der Nacht vom Urlaub am Meer träume. Nicht von ungefähr. Denn in echt wären wir gerade in Kuba. Doch der Urlaub, der letzte längere, bevor das Großkind in die Schule kommt, musste storniert werden. Aber hey, wer braucht schon einen Rüschenrock aus Havanna, wenn er einen Mundschutz mit Eulen haben kann? Und wer heiße Salsa-Rhythmen, wenn er zu “My Corona” von Chris Mann tanzen kann? Nein, ich trauere unserem Urlaub in keinster Weise nach.

Immerhin kann ich ja davon träumen. Davon, dass ich am Strand einen Cuba Libre trinke, meine Füße im weißen Sand vergrabe und mir die Sonne auf den Bauch scheinen lasse. Es ist herrlich. Ein, zwei Sekunden lang. Bis mich die Kinder mit Sand bewerfen und bis zum Kopf eingraben. Mein Traum wird zum Albtraum, und so wache ich gegen drei Uhr Früh schweißgebadet auf. Das Gefühl überall am Körper Sand kleben zu haben, verschwindet aber nicht. Kann es auch nicht, denn das Kleinkind hat am Nachmittag offenbar den körnigen Inhalt seines Hosenumschlags im Bett ausgekippt. Das erklärt auch, warum der Sand in der Sandkiste im Garten immer weniger wird. Der Mann hat sich schon gewundert. Ich überlege, ob ich eine Sandburg oder doch eine Schildkröte formen soll, als mich die Müdigkeit übermannt und ich tatsächlich wieder einschlafe. In der Früh bekomme ich dann die nächsten Überreste der kindlichen Abenteuer zu spüren. Die Rückseite meiner linken Schulter schmerzt. Ich will es schon als Zeichen des Alterns deuten, als ich zwischen Pölstern und Decken eine Kluppe finde. Das gibt eine saftige Standpauke, denke ich, ehe mich eine Erkenntnis trifft, auf die ich schon mein Leben lang warte. In der Pubertät war ich mir ziemlich sicher, dass ich adoptiert worden bin. Zugegeben haben es meine Eltern bisher nicht. Aber jetzt habe ich den Beweis schwarz auf weiß. Blaues Blut fließt durch meine Adern. Ich bin eine Prinzessin! Seit Hans Christian Andersens „Prinzessin auf der Erbse” wissen wir ja, dass nur Adelige eine Erbse bzw. im Jahr 2020 halt eine Kluppe, unter sich im Bett spüren können. Leichtfüßig hüpfe ich nun aus den Federn. Die stechenden Schmerzen in meiner Schulter sind vergessen. Ich muss dem Mann und den Kindern sofort die frohe Botschaft überbringen. Wie schön, ich bin tatsächlich eine Prinzessin, und ab jetzt verhalte ich mich auch so.

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