NEUE NORMALITÄT

Das langersehnte Ende der Quarantäne ist da, die Normalität hat uns wieder. Ich fürchte es ist die viel beschworene neue. Denn schon heute Morgen merke ich, irgendetwas ist anders als vor sieben Wochen. Die Kinder springen aus ihren Betten, leeren die Müslischüsseln in einem Tempo, dass mir schwindelig wird und stehen in null Komma nichts angezogen bei der Eingangstür. „Mamaaaa, kooomm!“ Ich schaue in den Spiegel und reibe mir die Augen. Es ist acht Uhr. Müde schiebe ich die Zahnbürste von links nach rechts und versuche mich zu erinnern, welcher Wochentag heute ist. Ah ja, der „Hurra, die Ausgangsbeschränkungen sind vorbei“-Montag. Unmotiviert streife ich mir also eine Jacke über. „Die Mama hat noch den Pyjama an, die Mama hat noch den Pyjama an“, rufen die Kinder, als wir im Stiegenhaus sind. Ich hoffe, es hat sie niemand gehört. Aber wer hat eigentlich gesagt, dass man nicht im Pyjama zum Kindergarten gehen kann? Ach so, ich war das. Nun, die Zeiten haben sich geändert. Sicherheitshalber setze ich mir aber noch eine bad-hair-day-Mütze auf und spaziere mit meinen zwei Windhunden los. Die Wiedersehensfreude ist groß. Das Kleinkind findet sein lang vermisstes Freundschaftsbuch und seinen verloren geglaubten Weihnachtselch. Die anderen Kinder streift es mit einem kurzen Blick. Hauptsache „Elchi“ ist wieder da. Die Sozialkompetenz hat es wohl von mir geerbt. Als ich eine bekannte Mama am Gartentor entdecke, ziehe ich mir die Mütze noch tiefer ins Gesicht und schlurfe vorbei. Um diese Uhrzeit kann ich beim besten Willen keine „Und wie war eure Quarantäne-Zeit so“-Gespräche führen. Eigentlich kann ich solche Art von Gesprächen zu keiner Uhrzeit mehr führen.

Jetzt aber bloß keine Zeit verlieren. Ganze drei Stunden Freiheit warten auf mich. Endlich wieder alleine aufs Klo gehen. Endlich wieder am Telefon einen Satz zu Ende sprechen. Endlich wieder am helllichten Tag Netflix-Serien in Dauerschleife schauen. Das Paradies ist zum Greifen nah, obwohl ich noch gar nicht tot bin. Wobei, ein bisschen tot fühle ich mich heute schon. So im Übergang zwischen den Welten. Ganz ehrlich, mir geht das alles zu schnell. Kann mal bitte jemand die Stopptaste drücken? Gerade eben war ich doch noch dabei mich in meiner kleinen K&K-Welt zwischen Kühlschrank und Kinderzimmer einzurichten, schon soll ich wieder hinaus in die große weite Welt. Klappernde Stöckelschuhe reißen mich aus meinem Post-Quarantäne-Blues. Werde ich verfolgt? Nein, bloß eine Mama mit Kleinkind im Arm, die an mir vorbei läuft. Glänzende Haare, strahlende Augen, Wimpern so lange wie meine Achselbehaarung. Auf der anderen Straßenseite telefoniert ein Papa in dunkelblauem Anzug. An der einen Hand ein farblich perfekt auf ihn abgestimmtes Kind, an der anderen ein schneeweißer Eisbär. Die neue Normalität macht mir Angst, und ich schaue, dass ich schleunigst nachhause komme. Völlig außer Atem werfe ich mich auf die Couch. Mein Herz rast, ich schwitze und habe das Gefühl mich übergeben zu müssen. Vor ein paar Tagen hätte ich aufgrund der ungewohnten Reaktionen meines Körper noch vermutet Covid-19 positiv zu sein. Der Gedanke kommt mir jetzt absurd vor. Denn die Gefahren da draußen sind viel größer, viel furchterregender. So habe ich mir den Ausbruch aus dem Mama-Gefängnis definitiv nicht vorgestellt.

Auch zuhause werde ich das Gefühl von „etwas stimmt hier nicht“ nicht los. In der Wohnung ist es viel zu still. Niemand jammert, niemand schreit, niemand imitiert Babygeräusche oder einen sterbenden Schwan. Ich drehe den Geschirrspüler auf, um mich nicht ganz so alleine zu fühlen. Im Stiegenhaus höre ich eine Tür knallen, vor dem Haus ein Auto wegfahren. Endzeitstimmung wie in „The day after tomorrow“. Wenn wenigstens ein paar Außerirdische kommen und mich entführen würden. Dann hätte meine Panik zumindest eine allgemein gültige Berechtigung. Um mich abzulenken, schlage ich meinen Terminplaner auf, der seit Wochen unbenutzt auf dem Schreibtisch liegt. Er riecht immer noch so, als hätte ich ihn gerade ausgepackt, und die meisten Seiten sind noch jungfräulich. Ich überlege, wo ich den Kassenzettel habe und ob ich den Kalender vielleicht noch zurückschicken kann, klicke mich dann aber lieber durch die Sozialen Netzwerke. Unglaublich was sich da plötzlich tut. Bilder vom Friseurbesuch, von der ersten Shoppingtour oder vom neuen Alltag im Büro. Überfordert lege ich mein Handy weg und ziehe mir mal den Pyjama aus. Nur nicht übertreiben. Sieben Wochen lang haben die Kinder das Tempo und die Aktivitäten vorgegeben, und jetzt soll ich mich plötzlich um mich selbst kümmern und wissen was ich will?

Wobei, wenn ich ehrlich bin, weiß ich eh, was ich will. Ich will mein Quarantäne-Leben zurück. Ich will, dass man mir, wie damals in der Schule, genau sagt, was ich tun soll. Dass ich aufhören soll mich für die alten Römer zu interessieren, weil jetzt Mathe kommt. Oder, dass ich erst essen darf, wenn die Pausenglocke läutet und nicht, wenn ich Hunger habe. Mit den Kindern zuhause war es ganz genauso. Klare Vorgaben, strenge Lehrer und meine individuellen Bedürfnisse nicht erwünscht. Und, auch, wenn es oft nicht die Erfüllung war, so war es wenigstens vertraut. Mit diesem Wunsch nach Beständigkeit bin ich übrigens nicht alleine. Die Neurobiologie bestätigt, dass 80 Prozent der Menschen lieber stur an einer bekannten Umgebung festhalten, statt etwas zu verändern. Selbst wenn es ihnen dort schlecht geht. Ja, und, was soll ich jetzt tun? Weil ich auch mal wo gelesen habe, dass es in solchen Situationen helfen kann brav Automatisiertes auszuführen, stelle ich Teewasser hin, räume die Waschmaschine ein und gehe unter die Dusche. Dann sind die drei Stunden Freiheit eh schon wieder um. Ein Löwe im Zoo hätte es bei offener Käfigtür wohl nicht viel anders gemacht.

Aufgeregt mache ich mich auf den Weg in den Kindergarten. Gleich bin ich in Sicherheit, gleich wird alles wieder so sein, wie immer. Ich freue mich darauf meine Kinder in die Arme zu schließen. Doch die Freude ist einseitig. Schmerzhaft wird mir bewusst, meine Kinder gehören zu den anderen 20 Prozent der Menschen, den Sensation Seekers, die genetisch bedingt mehr Spaß an Neuem haben. „Mamaaaa“, raunzt das Großkind, als es mich sieht. „Du bist viel zu früh. Ich wollte noch länger spielen.“ Das Kleinkind ignoriert mich gleich völlig. Als es mich doch anschaut und in mir seine Mutter erkennt, läuft es schreiend davon. Gut, ich hatte schon lange nichts anderes als eine Jogginghose an, aber so verändert bin ich nun auch wieder nicht. Der Wind bläst mir ins Gesicht und ein „Ich zieh sicher nicht meine Jacke an“ gleich dazu. Mich fröstelt. Aber, ja, genau so wollte ich es. Und plötzlich merke ich, die neue Normalität ist gar nicht so neu. Im Grunde ist sie mir ganz schön vertraut. 

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