MUTTERTAG

„Drama am Muttertag. Mutter lässt Kinder verhungern“. Vor meinem inneren Auge seh ich schon, wie mich diese Schlagzeile in die Zeitung bringt. Aber, wie heißt’s so schön, schlechte Publicity ist besser als keine. Von dem bevorstehenden Drama ist im Moment noch nichts zu erahnen. Die Sonne scheint in unsere Vorstadtidylle. Der Mann steht mit Bier und Grillzange im Garten. Die Kinder backen Kuchen in der Sandkiste, und ich schnippel Gemüse in der Küche. Es hat durchaus was Meditatives. Blöd nur, dass ich im Meditieren schon immer eher schlecht war. Auch jetzt taucht nicht das viel zitierte Nichts in meinen Gedanken auf, sondern der Begriff „Muttertag“. Wie eine schwarze Wolke klammert er sich an meinen Frontallappen und geht dort nicht mehr weg. Wahrscheinlich weil ich mit dem Muttertag schon immer ein Problem hatte. Mit den schiefen Tonfiguren, die ich basteln und den schlechten Gedichten, die ich aufsagen musste. Und der aufgesetzten Freude und der peinlichen Berührtheit, die es dann zum Dank gab. Seit ich Kinder habe, versetzt mich der Muttertag regelrecht in Panik. Denn im Grunde ist der Mama-Feiertag ein Kinder-Feiertag. Nur, dass alle so tun, als ginge es um die Mutter. In Wirklichkeit aber wollen sich die Kinder Anerkennung für ihre Zeichnungen und Basteleien holen, die ihnen irgendwer aufgezwungen hat. Eh verständlich. Und der Mann macht beim Lob abholen im schlimmsten Fall auch noch mit. Schließlich hat er ja einen Kuchen nach dem Rezept gebacken, dass ihm die Frau am Vorabend in der Küche hingelegt hat. Einen Becherkuchen, das Malen nach Zahlen der Hobbybäcker. Zum Glück ist es bei mir aber eh nicht ganz so schlimm. Im letzten Jahr war den Kindern meine Anerkennung völlig wurscht. Sie waren von ihrem Geschenk so überzeugt – selbstgebackene Kekse aus dem Kindergarten – dass sie es gleich nach dem Auspacken aufgegessen haben. Meine Reaktion dazu war ihnen völlig egal. Immerhin durfte ich noch ein paar Krümel von der Couch schlecken.

„Mamaaa!“ Das Großkind steht plötzlich neben mir und reißt mich aus meiner Muttertagsmeditation. „Ich hab Hunger“, sagt es vorwurfsvoll und nimmt sich als Beweis ein Stück Gurke. „Ich mach noch den Salat fertig und komm dann“, antworte ich in Gedanken versunken. „Ich hab aber jetzt Hunger“. Unruhig schiebt das Kind dabei seine Unterlippe hin und her. Ich merke, die Stimmung nähert sich dem Hangry-Level und schnelles Handeln wäre angebracht. Weil mir in der Sekunde aber nichts Besseres einfällt, wiederhole ich noch einmal, dass ich nur noch den Salat fertig mache und dann in den Garten komme. Wutentbrannt, als hätte ich gesagt, dass es nie wieder etwas zu essen gibt, macht das Großkind kehrt und läuft hinaus. Wahrscheinlich heult es sich jetzt beim Mann über seine böse Mutter aus. Das wird sich auch nie ändern, egal, ob im Märchen oder in der Realität, die Mütter sind immer die bösen. Vielleicht sollte ich den morgigen Muttertag doch ein bisschen gut finden und fordern, dass ich wenigstens einmal die liebe Mama spielen darf. Wobei, ich kenne ja meine Kinder. Die halten sich sowieso nicht an Rollenvorgaben. Am liebsten und überzeugendsten spielen sie die Drama-Queen, so wie das Großkind gerade. Lautes Geschrei dringt aus dem Garten durchs Fenster. Scheinbar gehört der Mann heute auch nicht zur lieben Sorte Vater. Fein. Zumindest in dem Punkt funktioniert die Gleichberechtigung noch.

Weil ich es nicht mag, wenn die Kinder die halbe Nachbarschaft zusammen schreien, gehe ich hinaus, um nachzuschauen was los ist. „Ich werde verhuuungern“, begrüßt mich das Großkind und wirft sich theatralisch ins Gras. „Willst du, dass ich sterbe?“. Es erinnert mich an ein Stück von Shakespeare, genauso dramatisch, nur die Sprache ist klarer. Ich bin irritiert. Woher kommt dieses aufgesetzte Gefühl einer Hungersnot? Kann es sein, dass ich in der Quarantäne im Bezug aufs Essen irgendwas falsch gemacht habe? Dass die Abende, die ich vor den Kochbüchern gesessen bin, um Speisepläne und Einkaufslisten zu erstellen und das Lebensmittel-Notfalllager in der Garage etwas damit zu tun haben? Ich fühle mich schuldig und sage „Schatz, wir haben genug. Gleich essen wir.“ Der Duft von gebratenen Würsteln und Quietschkäse steigt mir in die Nase. Mein Magen knurrt. Längst könnten wir alle zusammen beim Tisch sitzen und essen. Stattdessen stehe ich hier und führe Gespräche über Leben und Tod. „Ich will aber jetzt etwas essen. Sonst sterbe ich“, schimpft das Großkind wieder. Und weil auch mein Körper langsam aber sicher in den Hangry-Modus schaltet, höre ich mich sagen „gut, dann zeig mir mal, wie du stirbst“. Der Mann wirft mir einen schiefen Blick zu. Ok, das war jetzt vielleicht wirklich ein bisschen makaber. Ich hoffe, die Nachbarn haben mich nicht gehört und rufen das Jugendamt. Das gäbe wohl gleich die nächste Schlagzeile zum Muttertag. „Kind gerettet. Mutter wollte ihm beim Sterben zusehen“.

„Du bist nicht mehr meine Mama. Ich will dich nie wieder sehen“. Das Großkind steht neben dem Griller und ist on fire. Einen Tag vorm Muttertag kündigt es mir tatsächlich die Kindschaft. Ich muss schlucken, und weiß kurz nicht, ob wegen des verführerischen Würstelgeruchs, der meinen Speichelfluss anregt oder wegen der Trauer über meine plötzliche Kinderlosigkeit. (Das Kleinkind spielt seine Nebenrolle heute übrigens so dezent, dass ich völlig vergesse, ja noch ein zweites Kind zu haben) Langsam gehe ich in die Küche zurück, um den Salat fertig zu machen. Wie in Zeitlupe schneide ich Karotten und Tomaten, als ich merke, dass dieser Moment neben all seiner Dramatik auch etwas Wunderbares birgt. Das Großkind hat gerade mein Muttertags-Dilemma gelöst! Denn ohne Kinder kann ich beim besten Willen keinen Muttertag feiern. Ohne Kinder krieg ich auch keine Geschenke, die mich mir nicht gewünscht habe und muss mich nicht stressen, weil wir das mit der Familienidylle mal wieder nicht hinkriegen. Ich spüre, wie eine riesige Last von meinen Schultern fällt und freue mich auf morgen. Denn Blumen können wir uns ja trotzdem kaufen.

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