MUTTERSCHAFTSTEST

Manchmal bin ich mir sicher die Kinder sind nicht von mir. Vor allem das Großkind. Es fängt schon damit an, dass es blaue Augen hat und blonde Haare. Ich meine, hallo? Blonde Haare? Es hat doch mal geheißen das Dunkle setzt sich immer durch. Das Dunkle ist dominanter. Man muss sich ja nur die Beziehung zwischen mir und dem Mann anschauen. Mehr Beweis für diese Theorie braucht es eigentlich nicht. Aber abgesehen von der Haar- und Augenfarbe sieht mir das Großkind auch sonst nicht sehr ähnlich. Schon als Baby gab es verwunderte Blicke in den Kinderwagen und ein “Jö, ganz der Papa”. Das ist übrigens das Letzte, das eine Frau hören will, nachdem sie eine Melone aus sich herausgepresst hat. Aber ja, die Natur ist oft ungerecht. Vielleicht fressen Rotrückenspinnen deshalb nach der Paarung das Männchen auf, um späteren Irritationen vorzubeugen.

Neben der Optik gibt es aber noch weitere Gründe, warum ich mir manchmal nicht sicher bin, ob das Großkind tatsächlich meine Gene hat. Letztens hat es am Abend alleine das Kinderzimmer zusammengeräumt. Freiwillig. Ohne jegliche Form der Bestechung und ohne Aussicht auf Belohnung. Nicht nur, dass es alle Spielsachen ordentlich in die dafür vorgesehenen Laden geräumt hat. Es hat auch noch für sich und das Kleinkind die Pyjamas vorbereitet und mit dem jeweiligen Stofftier drapiert. Wenn ich daran denke, kommen mir die Tränen. Nicht vor Rührung, sondern vor Verzweiflung. Mit seiner Ordentlichkeit setzt mich das Großkind gehörig unter Druck. Es heißt doch immer, man müsse Vorbild sein und so. Aber was bitte kann ich denn da noch an positivem Beispiel vorgeben? Jedes Mal, wenn ich am Schreibtisch sitze und das Großkind ins Zimmer kommt, zucke ich zusammen. Links von mir türmen sich Rechnungen, Zeitungsartikel und Bücher. Rechts von mir ein Durcheinander aus Taschentüchern, Notizblöcken und Visitenkarten. In der Mitte ist genau so viel Platz, wie ich für meinen Laptop und meine Arme brauche. Ich bin zufrieden, fürchte aber das Großkind wird mich bald zu mehr Ordnung gemahnen. So wie es mich immer schimpft, wenn ich die Tür offen lasse, nachdem ich am Klo war.

Der Mann hat es da viel leichter. Über einen Vaterschaftstest braucht er jedenfalls nicht nachzudenken. Neulich sitzen wir beim Mittagessen und reden über meine Kurzarbeit und, dass ich etwas wegen der Prozente nicht verstehe, so wie ich das meiste, das mit Zahlen zu tun hat nicht verstehe, als er sagt „Mathematik hat eine besondere Ästhetik“. Ich hätte mich fast an meinen Nudeln verschluckt. Wie bitte? Allein schon bei der Vorstellung, dass man das Wort Ästhetik und Rechnen in einem Satz verwendet, wird mir schlecht. Aber gut, dass der Mann es eher mit den Naturwissenschaften hat und ich mit den Geisteswissenschaften, weiß ich schon lange. Und meistens ergänzt es sich ganz gut. Wenn wir zum Beispiel auf Urlaub sind und ich uns aufgrund meiner Sprachkenntnisse ein schöneres Zimmer beschaffen kann oder wenn er aufgrund seines analytischen Denkens drauf kommt, dass wir zu viel für den Strom bezahlen. Manchmal wünschte ich aber, er wäre ein bisschen sprachbegabter. Wenn wir vor dem Fernseher sitzen und ich einen Film in Originalsprache schauen will und er alle zwei Minuten auf die Stopptaste drückt, weil er wieder nicht verstanden hat, was Brad Pitt und George Clooney da reden. Was genau muss man da verstehen? In dem Fall genügt doch auch das Bild.

Jedenfalls hat das Großkind die Liebe für Zahlen vom Mann geerbt. Erst gestern hat es sich gleich nach dem Aufstehen ein Buch geholt und freiwillig Matheaufgaben gelöst. 3+7, und wieviele Krähen sitzen noch auf dem Baum, wenn eine davonfliegt? Das Kind, noch nicht mal schulpflichtig, schüttelt die richtigen Antworten nur so aus dem Ärmel. Ich dagegen wache nachts immer noch schweißgebadet auf, weil ich von der Mathe-Matura geträumt habe. Während ich noch so nachgrüble, ob das Großkind nicht vielleicht doch bei der Geburt vertauscht wurde, passiert etwas Wunderbares. Ich realisiere, egal ob Gene oder sonstwas, das Kind hat doch etwas von mir. Der Mann steht im Badezimmer und putzt dem Kleinkind die Zähne. „Bitte“, sagt er mit genervter Stimme. „Ich möchte dir länger wie eine Sekunde die Zähne putzen“. Normalerweise würde ich jetzt ins Badezimmer eilen und dem Mann einen Vortrag über die deutsche Grammatik halten, so wie mindestens fünfzig Mal am Tag. Da höre ich das Großkind, etwas undeutlich, weil eine Zahnbürste im Mund, sagen: „Papa, es heißt länger als“. Mein Herz hüpft und schnell lösche ich wieder die Nummer, die ich gerade anrufen wollte, um einen Mutterschaftstest zu vereinbaren.

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