MORDLUST

Das Familienleben ist endlich wieder im Gleichgewicht. Denn langsam aber sicher zeigen auch die Kinder ihr wahres, diabolisches Gesicht. Vielleicht liegt es aber auch nur an den zuckrigen Nachwehen von Ostern. Wobei, in punkto Süßigkeiten ist mittlerweile die Ausnahme die Regel. Nach dem Essen, egal ob in der Früh oder zu Mittag, verlangen die Kinder eine Nachspeise. Heute gibt es nach dem Mittagessen Obst. Vier Augen schauen mich ungläubig an. Ich hätte genauso gut Styropor oder Alufolie servieren können. „Das ist ja keine Nachspeise“, sagt das Großkind und rümpft die Nase. Motiviert beginne ich ein Verkaufsgespräch und preise die Vorzüge von Vitaminen an. Ich komme mir dabei vor wie ein Versicherungsvertreter oder ein Mitglied der Zeugen Jehovas, nur besser gekleidet. Auf dem Tisch vor uns liegen eine Mango, ein Apfel und Erdbeeren. Hallo!? Zum ersten Mal seit mindestens einem halben Jahr gibt es wieder Erdbeeren. Schokolade dagegen täglich, seit Beginn der Corona-Krise. Nein, eigentlich seit dem letzten Nikolo. Was soll daran noch besonders sein? Doch die Kinder bleiben hartnäckig. Ich lerne, Obst ist, außer vielleicht im Kindergarten, keine Nachspeise. Sicherheitshalber pinne ich mir diese Info an die Kühlschranktür. Falls ich das nächste Mal keine Lust zu kochen habe, weiß ich, was wir essen – Erdbeeren. Denn die sind seit heute eine Hauptspeise.

Weil mich die Freude über meine eigene Schlauheit milde stimmt, kriegen die Kinder nach dem Mittagessen die Reste vom Osterfest. Damit sind sie wenigstens den Nachmittag über beschäftigt. Beim Abendessen grüßt erneut das Murmeltier. Kaum habe ich den ersten Bissen geschluckt, werde ich gefragt, was es als Nachspeise gibt. Also, eigentlich reden wir während des gesamten Abendessens über das Essen danach. Ich versuche es nicht persönlich zu nehmen. Schließlich bin ich über eine Stunde in der Küche gestanden und habe etwas zu kochen versucht, das eine halbwegs vernünftige Menge an Nährstoffen beinhaltet und den Kindern trotzdem schmeckt. Es gibt wahrlich befriedigendere Kocherlebnisse. Aber ich will nicht kleinlich sein. Immerhin sind die Teller der Kinder fast leer, und wir haben miteinander geredet. Schafft ja auch nicht jede Familie beim Essen. Das Großkind verlangt also eine Nachspeise. “Eh nur eine kleine. Ein Gummibärli oder so.” Ich greife in meine Vernunft-Schatzkiste und erkläre, dass Zucker am Abend schlecht für den Schlaf ist, und dass man davon böse Träume kriegt. Manchmal funktioniert das. Heute bewirkt es das Gegenteil. “Du bist so eine blöde Mama. Du bist die gemeinste von allen”. Verstehe. Früher waren die Beleidigungen wenigstens noch subtiler à la “dann lade ich dich nicht mehr zu meiner Geburtstagsfeier ein”. Unschuldig und süß. Nicht so süß hingegen ist, was dann kommt.

“Ich will ein Gummibärli”. “Nein”. “Gut, dann töte ich dich”. Funkelnde Kinderaugen sehen mich an. Ich hätte mit vielem gerechnet, aber nicht mit solch schnörkelloser Mordlust. Wo kommt die plötzlich her? Normalerweise hätte ich den Buben im Kindergarten die Schuld gegeben. Schlechter Einfluss und so. Aber meine Kinder sind seit über vier Wochen daheim. Ich bin irritiert, versuche mir aber nichts anmerken zu lassen. Weil ich immer noch meine Vernunftkiste geöffnet habe, sage ich mit ruhiger Stimme: “Wenn du mich tötest, hast du aber keine Mama mehr. Dann können wir nicht mehr kuscheln…” Und in dem Moment fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich! Der Mann und ich haben gestern, als die Kinder schon geschlafen haben, einen Krimi geschaut. Da kam der Satz “ich töte dich” mehrmals vor. Die Wände unserer Wohnung sind dünn, und so konnten die Worte des Killers direkt ins Unterbewusstsein meines Kindes wandern. Ich habe keine Zeit darüber nachzudenken, welche Filme wir sonst so schauen und was das bei meinem Kind bewirken könnte, denn die Mordlust nimmt zielstrebig ihren Lauf. Wütend packt das Großkind das Osterei, das in einer Ecke des Esstisches liegt – ein Nachzügler, der, weil er zu spät bemalt wurde, es nicht mehr auf den Osterstrauch geschafft hat – und zerquetscht es. Einfach so. Mit stoischem Blick und ohne ein Wort.

Ich schaue auf die bunten Schalen, die am Boden liegen und drifte ab. Ich erinnere mich, dass der Mann und ich in der Weihnachtszeit den Vierteiler “Der Seewolf” geschaut haben. Einen Filmklassiker, in dem der Hauptdarsteller eine offenbar rohe Kartoffel mit der bloßen Hand zerdrückt. In den 70ern wurde viel darüber diskutiert. Diskussionsbedarf haben wir jetzt auch. Der Mann und ich müssen dringend unseren Filmkonsum überdenken. Romantic Comedies statt Thriller. Tierdokus statt Krimis. Immerhin geht es um die Psyche unserer Kinder. Und während ich verstört dasitze und einen Plan schmiede, reißt mich das Großkind aus meinen Gedanken. “Und, Mama, darf ich jetzt ein Gummibärli?”.

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