KICK

Heute hab ich mir den lang ersehnten Kick in meine kleine Quarantäne-Welt geholt. Ich war in der Dämmerung laufen. Beim Anziehen der Schuhe wundere ich mich, warum die so dreckig sind. Wann bin ich das letzte Mal im Sand gelaufen? Bei genauerem Hinsehen merke ich, es ist Staub. Ich hab wirklich lange nicht mehr Sport gemacht, weil ständig krank. Aber jetzt ist es endlich wieder soweit. Ich trabe los und fühle mich herrlich. Meine Beine sind zwar eingerostet, aber das Gefühl von Freiheit beflügelt mich. Ich merke, wie ich immer schneller werde und meine Pulsuhr allmählich rote Zahlen anzeigt. Ich fühle mich irgendwie verfolgt und dennoch gut. Denn ich spüre, ich hänge die Verfolger ab. Küche und Waschmaschine. Staubsauger und Wischmop. Das zu viel an Nähe ist auf Dauer nicht gut für die Beziehung. Kurz habe ich tatsächlich Fluchtgedanken, doch dann fallen mir die friedlichen Gesichter meiner schlafenden Kinder ein, und mir wird warm ums Herz.

Ich laufe im Park, in der Nähe meines Elternhauses. Nachdem ich meinen Eltern Lebensmittel vorbei gebracht habe, nutze ich die noch kurze Zeit bis die Sonne untergeht, um meinen Kopf auszulüften. Gruselig ist es schon, so alleine im Halbdunkel. Ich erinnere mich an die Kinderserie „Die kleine Prinzessin“. An die Folge, in der die Prinzessin nicht einschlafen kann, weil sie sich vor den Schatten der Bäume fürchtet. Wie riesige Monsterarme wandern sie durch ihr Zimmer. Hier ist es gerade ähnlich. Nur, dass bei mir sicher kein Kindermädchen kommen wird, um neben mir zu übernachten. Doch. Es kommt jemand. Ich sehe Schatten auf mich zukommen und höre Stimmen. Jetzt erschrecke ich so richtig. Denn es sind Menschen! Durch das Social Distancing bin ich es nicht mehr gewöhnt Menschen in freier Wildbahn zu treffen. Im Stiegenhaus, ja, und hin und wieder im Supermarkt. Doch das ähnelt dann mehr einem Ausflug im Zoo. Jetzt ist es, als wäre ich mitten auf einer Safari. Nur, dass ich unter den freilaufenden Löwen bin. Ich keuche mittlerweile, weil ich zu schnell gelaufen bin. „Verdammt. Die denken sicher ich hab Corona“, schießt es mir durch den Kopf.

Ich versuche mich abzulenken. Bei Angst und Kleinkindern hilft das immer. Deshalb denke ich an etwas noch Schlimmeres, als meine momentane Situation. Ich erinnere mich an ein Erlebnis vor zehn Jahren. Auch im Wald, im Norden von Indien. Der Tag bricht gerade an, und ich spaziere zu meinem Yoga-Unterricht. Täglich dreißig Minuten durch dichten Dschungel. Dabei klatsche und singe ich. Nicht weil ich so musikalisch bin, sondern weil es hier Bären und Leoparden gibt, und es besser ist, sie nicht zu überraschen. Die Gefahr ist also allgegenwertig. Fast so, wie in Zeiten des Corona-Virus. Abstand halten ist auch hier das oberste Gebot. Doch dann passiert es. Das Unvermeidliche. Ein Felsbrocken, groß genug, um einen Bären zu verstecken, versperrt mir den Weg. Ich kann unmöglich sehen, was dahinter ist. Also schreie und klatsche ich noch lauter, während ich mich mutig vorwärts taste. Mein Puls klatscht fast genauso so laut, wie meine Hände. Und plötzlich setzt er aus. Denn ich sehe Augen, die mich anstarren. Augen, die nicht einfach schauen, sondern mich fixieren, als wäre ich eine saftige Banane. Mit dem Schrei, der aus meinem Mund kommt, wäre ich die perfekte Vorlage für Edvard Munchs berühmtes Bild gewesen. Ein Affe sitzt hinter dem Felsen und glotzt mich an.

Die Menschen, die gerade an mir vorbeispazieren, glotzen wenigstens nicht. Sie wünschen mir nur einen „Guten Abend“. Ich merke, Menschen sind gar nicht so schrecklich. Oder doch? Ich weiß es nicht mehr so genau. Nachdem ich kaum mehr meine Hand vor den Augen sehen kann, laufe ich zurück zum Auto. Dabei denk ich wieder an die friedlichen Gesichter meiner schlafenden Kinder und freue mich auf einen ruhigen Abend.

Es ist 21 Uhr 30, als ich den Motor vor unserem Haus abstelle. Im Wohnzimmer brennt noch Licht. Bestimmt liegt der Mann auf der Couch und erwartet mich. Im Stiegenhaus höre ich Stimmen. Kinderstimmen. „Bestimmt sieht nur jemand zu laut fern“, denke ich noch, bevor ich mein Großkind schreien höre. „Papa, ich bin noch nicht müde“. Und plötzlich ist es wieder da. Das Gruseln, das Fürchten und die Gänsehaut von vorhin. Meine Kinder sind also immer noch wach. Mir wird klar, dass das Wort Kick zwei Bedeutungen hat. Eine positive und die aus dem Fußballjargon. Autsch. Dieser Kick geht jedenfalls mitten in die Magengrube.   

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