JACK NICHOLSON

Die Quarantäne kehrt immer stärker meine diabolische Seite hervor. Heute gab es Quinoa zum Frühstück und dazu das obligatorische Bäh von allen Seiten. Während ich also genüsslich mein Superfood mit gebratenen Birnen und Kokosjogurt esse (von irgendwoher muss man sich ja die dringend notwendigen Supermutterkräfte holen), stopfen die Kinder Müsli „ohne nix“ in sich hinein. Eh auch super. Wenn nur danach nicht am Boden der gesamte Monatsvorrat Mäusefutter liegen würde. Während bei Anderen das Essen mit einem Gebet beendet wird, ruft bei uns das Kleinkind feierlich „Mama, jetzt musst du staubsaugen.“ Danke, wäre mir gar nicht aufgefallen.

Nach dem Frühstück verbringe ich exakt 1 ½ Stunden damit die Kinder anzuziehen und ihnen die Zähne zu putzen. Herrlich. In dieser Zeit machen andere Mütter Morgenkreise, basteln den Osterschmuck für die gesamte Verwandtschaft und nähen bunte Mundschutzmasken. Die dieser Tage viel zitierte Langsamkeit – ich habe sie soeben auch in meinem Leben entdeckt. Entschleunigung vom Feinsten. Von meist kinderlosen Freundinnen höre ich, vor allem seit Beginn der Quarantäne, ich dürfe nicht immer alles so negativ sehen. Ich solle die kleinen Dinge im Alltag mehr schätzen. Ich arbeite daran.

Seit einigen Tagen ist das Kleinkind wieder in einer Entwicklungsphase. Entwicklungspsychologisch gesehen bedeutet das: bevor es einen Fortschritt macht, macht es zuerst einen Rückschritt. In unserem Fall heißt das: es spricht wieder in Babysprache, will ständig getragen werden und kann nicht mehr alleine essen. Außerdem kommt es mehrmals pro Tag zu mir und sagt „Ich hab ein bisschen Lulu in die Hose gemacht.“ Darüber freue ich mich besonders, denn seit wir alle zuhause sind, muss ich leider weniger Wäsche waschen. Der Mann braucht keine Hemden mehr, ich keine Arbeitskleidung und die Kinder verbringen den halben Tag im Pyjama. Der Berg an anluluten Unterhosen bringt also ein bisschen Normalität zurück, das Gefühl der Zeit vor der Krise. Ich weiß das wirklich zu schätzen.

Während die Kinder am Vormittag im Garten in der Sandkiste spielen, koche ich Mittagessen. Nach dem Schnitzel-Drama von gestern, bin ich egoistisch und mache Fenchel-Risotto. Mein Lieblingsgericht. Erst unlängst habe ich in einem der vielen schlauen Eltern-Ratgeber gelesen, dass Mütter mehr auf sich selbst schauen müssen. Ich lerne schnell. Nachdem das Essen fertig ist, verbringe ich wieder gefühlte 1 ½ Stunden damit die Kinder vom Garten in die Wohnung zu bekommen. Von der Zeit, die es braucht, um die Hände zu waschen, will ich gar nicht reden. Zwei Mal Happy Birthday ist nichts dagegen. Aber auch das weiß ich zu schätzen. Hygienisch vernünftige Kinder, ein Segen.

Zum Fenchel-Risotto gibt es natürlich auch das obligatorische Bäh. Weil ich aber (noch) kein Müsli als Ersatz anbiete, springt das Großkind wutentbrannt auf und setzt sich demonstrativ mit einem Buch auf die Couch. Es übt lesen und will dabei „sicher nicht“ gestört werden. Meine Bitten zum Tisch zurück zu kommen, werden theatralisch überhört. Erst, als das Thema Nachspeise aufkommt, findet das verirrte Kind den Weg zurück zum Esstisch. Es erbarmt sich meiner, kostet vom Risotto und bleibt dabei: Bäh ist bäh. Vom Frühstück ist noch Müsli mit Jogurt übrig, also bin ich milde und biete das als Alternative an. Natürlich will nun auch das Kleinkind Müsli zu Mittag. Nachdem sich die Kinder um die Körner streiten und sie in weniger als zwei Minuten aufgegessen haben, merke ich, wie eine Welle tiefster Befriedigung durch meinen Körper schwappt. „Und, hat es euch geschmeckt?“, frage ich mit etwas zu fröhlicher Stimme. „Jaaaaa!“ „Und, wisst ihr auch, was da drinnen war?“, frage ich nach. Große Kinderaugen blicken mich an. „Das Quinoa vom Frühstück und das Kokosjogurt.“ Jack Nicholson wäre so stolz auf mich.

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