HOCHBEET

Alle reden davon, dass es in Zeiten wie diesen wichtig ist, in seiner eigenen Mitte zu sein. Sich zu erden. Weil ich gerne den einfachen Weg gehe, war ich heute im Baumarkt und habe ein paar Säcke Erde gekauft. Und ein Hochbeet. Zum Einen, weil wir im Sommer, ohne Aussicht auf Reisen, Beschäftigung brauchen. Zum Anderen, weil ich für den Fall eines neuerlichen Lockdowns vorbereitet sein will. Eigentlich bin ich ja nicht so der ängstliche Typ. Aber seit die Kinder auf der Welt sind ist es mit der Coolness vorbei. In vielerlei Hinsicht. Als ich Ende letzten Jahres gelesen habe, dass ein Blackout jederzeit möglich ist und man dafür gewappnet sein sollte, habe ich in unserer Garage eine Greisslerei eingerichtet. Neben Winterreifen und Rasenmäher stapeln sich jetzt Dosen mit Gulasch und Linseneintopf. Ich war der Corona-Krise quasi einen Schritt voraus. Jetzt sind wir nicht nur allzeit bereit für einen Shutdown, sondern auch für den nächsten Campingurlaub. Fraglich nur, ob es den heuer geben wird. Deshalb also ein Hochbeet. Kostet ungefähr genauso viel.

Mit Mundschutz und Kleinkind bewaffnet, wage ich mich heute also in den berühmt berüchtigten Baumarkt. Die Bilder der Schlangen vor dem Eingang haben mich bisher davon abgehalten. Außerdem fand ich diese Art von Geschäft schon immer unheimlich. Denn von den meisten Dingen, die man dort bekommt, kenne ich nicht mal den Namen, geschweige denn weiß ich, wofür man sie verwendet. Und, wenn ich mal doch sowas Banales wie Schrauben brauche, bin ich heillos überfordert. Denn natürlich gibt es dort gleich ein ganzes Schrauben-Universum. Einen Verkäufer um Hilfe zu bitten, macht die Sache meist nicht besser. Denn entweder stellt er mir dann lauter Fragen, die ich eh nicht beantworten kann oder er redet von vornherein mit mir, als hätte ich keine Ahnung. Ok, ich habe keine Ahnung. Trotzdem würde ich gerne so behandelt werden, als wüsste ich, was Bi-Metallschrauben mit Senkkopf sind.

Heute ist es einfacher. Ich habe im Vorfeld recherchiert und weiß genau, was ich will. Aufgeregt schiebe ich den Einkaufswagen also in Richtung Gartenabteilung. Vorbei an Bohrmaschinen, Malerwerkzeug und ganzen Toiletten, die das Kleinkind so sehr in seinen Bann ziehen, dass wir einen Stopp einlegen müssen. Vor allem die bunten Klodeckel haben es ihm angetan. Und, so philosophieren wir eine Weile darüber, warum wir zuhause keinen Deckel mit Muschelmuster haben. Erst ein dickbäuchiger Mann, ganz in weiß, ist offenbar interessanter. Fettige Haare am Kopf, Flip Flops an den Füßen. Er sieht aus wie ein gefallener Engel oder Iggy Pop in blad. Ich habe allmählich sowieso das Gefühl auf einem Festival zu sein. Genauso viele Menschen, und die meisten davon tragen, wie am Frequency oder Nova Rock, Fan-Kleidung. Unschwer ist zu erkennen, in welcher Abteilung sie in der ersten Reihe stehen. Die Bau-Fans tragen Blaumann und Schuhe mit Stahlkappen, die Farben- und Lacke-Fans haben Hosen im Batik-Stil an. Nur die Menschen in der Gartenabteilung sehen so aus, als wären sie zufällig hier.

Mit Erde, Brettern und bunten Sitzpölstern, die ich in den Einkaufswagen gepackt habe, damit das Kleinkind gemütlicher sitzen kann, stehe ich an der Kasse und halte Abstand. Unvermutet schiebt sich ein älterer Herr mit leerem Wagen sehr nah an mich heran. Er zwinkert mir zu. Na, bravo, kaum 40 geworden, falle ich schon in das Beuteschema von Pensionisten. „Würden Sie mich bitte vorbeilassen? Ich möchte nur raus“, sagt der Mann höflich. Ach so. Ja. Nach ein paar Minuten eine ähnliche Szene. Dieses Mal ist es zumindest eindeutig, dass es kein Anmachversuch ist. Wieder nur ein Fall von “hab nur gschaut”. Ich lasse das ältere Ehepaar mit leerem Einkaufswagen vor, damit es Richtung Ausgang gehen kann und wundere mich. Wieso fährt man extra mit dem Auto zum Baumarkt, um dann nichts zu kaufen? Nicht mal einen Schraubenzieher oder einen Blumentopf? Obwohl ich durch den Mundschutz kaum Luft bekomme, kriegt mein Gehirn zum Glück noch genügend Sauerstoff. Natürlich! Baumärkte werden derzeit als Ausflugsziel genutzt, als Ersatz für Freizeitparks und geschlossene Museen. Es ist wie mit dem Besuch der „Mona Lisa“ im Louvre oder der letzten Bruegel Ausstellung in Wien.  Alle gehen hin, aber keiner kann mit den Kunstwerken so recht was anfangen. Hauptsache, been there, done that.

Das Kleinkind, das sich langsam an den Plastikblumen und Blumenzwiebeln zum halben Preis satt gesehen hat, wird quengelig. Es will „endlich mit dem neuen Hochbett“ nachhause. Während ich mir vorhin noch gedacht habe, ich hätte mich verhört, bin ich mir jetzt ganz sicher. Das Kleinkind hat “Hochbett” gesagt. Vielleicht war es deshalb so euphorisch, als ich erklärt habe, dass man darin Karotten und Tomaten anbauen kann? Und, dass wir es im Garten aufstellen. Es war schon immer ein Outdoor-Freak. Ich fürchte, die Enttäuschung wird groß sein, wenn wir das Ding dann aufstellen und das Kind nicht darin schlafen darf. Deshalb nehme ich sicherheitshalber noch einen Sack Erde mit. Denn ich spüre, ich werde sie brauchen. Dringend. Für die eigene Mitte und die Erdung.

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