FISCHE

Es war klar, dass das kommen wird. Früher oder später will jedes Kind ein Haustier. Kurz vor Beginn der Corona-Krise lag uns das Großkind so massiv in den Ohren, dass wir uns erweichen ließen. Ein Anfänger-Haustier, ohne Fell und Beine, sollte es werden. Eines, das uns nicht vermisst, wenn wir mal weg sind und das die Wohnung nicht auf den Kopf stellt. Dafür sind schon die Kinder zuständig. Also einigten wir uns auf Fische, und seit gut einem Monat steht im Kinderzimmer ein Aquarium. Mit ziemlich vielen Pflanzen drin. Fadenalgen, Punktalgen, Kieselalgen. Alle selbst gezüchtet. Meine ehemalige Biologie-Lehrerin wäre stolz auf mich. Während ich naiverweise dachte, wir stellen einfach einen Glasbehälter mit ein paar Fischen auf, haben wir jetzt eine Wasseraufbereitungsanlage, die ein Hochhaus versorgen könnte, inklusive Chemielabor. Und drei verschiedene Apps, die uns erinnern sollen, was wann zu tun ist. Der Mann nimmt das Thema ernst. Einmal pro Woche tauscht er das Wasser mindestens eine Stunde lang mit sehr angestrengtem Blick. Dabei ist er unansprechbar. Beim ersten Mal fanden die Kinder das noch unterhaltsam, mittlerweile pritscheln sie währenddessen lieber selbst im Badezimmer, und ich wische danach die halbe Wohnung auf. Die Arbeit muss schließlich gerecht verteilt werden.

Der Mann hat jetzt jedenfalls ein neues Hobby. Eines, das man praktischerweise drinnen ausüben kann. In Zeiten wie diesen nicht unwichtig. Neben dem Reinigen des Aquariums setzt er sich manchmal mit einem Sessel davor und schaut. Minutenlang. Fische haben wir bisher aber noch keine. Die Online-Bestellung ist noch nicht angekommen. Zuerst hieß es, es sei zum Versenden noch zu kalt. Dann, die Kurzarbeit hätte das Unternehmen ins Straucheln gebracht. Und jetzt, heißt es gar nichts mehr. Ich glaube ja, die Fische sind einfach gestorben. Denn, wenn ich mir vorstelle, ich werde in eine dunkle Kiste gepackt, kräftig durchgerüttelt und dann von einem Postler mit Mundschutz irgendwohin gebracht – der Herzinfarkt ist garantiert. Aber zum Glück bin ich ja kein Fisch und wurde auch nicht online bestellt. Der Mann und ich haben uns auf einem Zeltplatz in Italien kennengelernt.

Seit heute hat sich die Lage in der Causa “Aquarium” verändert. Wir haben plötzlich doch einen Fisch, einen sehr großen. Nach Feiern ist mir und den Kindern aber trotzdem nicht zumute. Auch nicht nach stundenlangem Beobachten dieses einzigartigen Exemplars. Geht auch gar nicht, denn unser Fisch sitzt nicht im Wasser, sondern im Arbeitszimmer. Schon heute Früh war der Mann etwas komisch drauf. Er hat sich über seinen bevorstehenden Arbeitstag beschwert. Denn seine Firma schickt ihn für zwei Tage ins Homeoffice-Retreat, wo er an gruppendynamischen Workshops teilnehmen soll. Wenn ich an meine bisherigen Retreat-Erfahrungen denke, würde ich sofort mit ihm tauschen. Danach taten mir zwar meist die Sitzbeinhöcker weh, aber ich war sehr entspannt. Mehr zumindest als nach stundenlangem Malen nach Zahlen oder so tun, als wäre ich Peppa Pigs Mutter und liebte grunzen und in Matschepfützen springen.

Der Mann sitzt also im Arbeitszimmer und macht… Ja, was macht er dort eigentlich genau? Am Nachmittag erfahre ich es, denn er schickt mir ein Foto aufs Handy. Schwerer Fehler. Zuerst sehe ich Nemo, den kleinen Fisch, der seine Eltern verloren hat. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich meinen Mann. Er hat eine Fischaugen-Brille auf, die er in einem unbeobachteten Moment aus der Verkleidungskiste der Kinder gekramt haben muss und sitzt vor einer 3D-Unterwasserlandschaft. Hektisch schaue ich in meinen Kalender. Habe ich in der ganzen Corona-Entschleunigung etwa auf Fasching vergessen? Ein Blick auf die bunten Eier auf unserem Osterstrauch beruhigt mich. Aber nur kurz. Denn der Anblick des Mannes als Nemo bereitet mir Sorgen. Ich will schon darüber nachdenken, was genau ihm in diesen Tagen fehlen könnte, beschließe dann aber über meinen Schatten zu springen und es nicht anzusprechen. Stattdessen beschließe ich morgen in die Aquaristik-Abteilung im Bauhaus zu fahren und endlich echte Fische zu kaufen. Man muss ja nicht immer über alles reden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code