FAMILIENJEANS

Ich besitze jetzt also auch eine Jeans, an der man erkennt, dass ich Kinder habe. Eine Mum-Jeans. Bis vor kurzem wusste ich nicht mal, dass es die gibt. Meine Recherchen sagen jedoch, ich bin modisch mal wieder gehörig hinten nach. Denn Mum Jeans gibt es seit den 80ern, als mein Fashion Must-have noch die Windelhose war. Gut, das entschuldigt zumindest meine Ahnungslosigkeit in Sachen Style. Doch jetzt, wo mein Körper auch in Jeans steckt, die zwar einen riesigen Hintern, dafür einen flachen Bauch machen (hey, man kann nicht alles haben!), erinnere ich mich, dass meine Mutter früher Ähnliches anhatte. Nur hieß das damals Karottenhose. Weil sich Hosen, bei denen man an Hasen denkt, wahrscheinlich nicht so gut verkaufen lassen, hat man offiziell wohl die Mütter ins Spiel gebracht. Gibt ja auch mehr Leute, die MILF-Pornos schauen, als solche mit Tieren. Hoffe ich zumindest. Wobei beides irgendwie seltsam ist.  

Jedenfalls begebe ich mich zum ersten Mal seit Ende des Lockdowns in ein Bekleidungsgeschäft. Ich brauche eine Hose für die neue Normalität. Mein Körper hat sich nämlich zu sehr an Leggings, Jogginghosen und schlabbrige Souvenirs aus diversen Asien-Urlauben gewöhnt und ist nun gegen sämtliche meiner Jeans allergisch. Bei jeder einzelnen, die ich anprobiere, bekomme ich Atemnot. Keine Ahnung, was es genau ist, aber ich denke, eine sehr seltene Art von Unverträglichkeit. Ein völlig überteuerter Nahrungsmittel-Test hat vor Jahren mal ergeben, dass ich Kaffee, Vanille und Pfeffer meiden soll. Von zu engen Jeans war interessanterweise nicht die Rede. Aber es kommt ja durchaus vor, dass sich Unverträglichkeiten erst nach und nach entwickeln. Meistens, wenn man von etwas zu viel konsumiert. In meinem Fall ist es halt umgekehrt.

In viel zu hellen Umkleidekabinen probiere ich also unzählige Hosen. Und, dabei ist es wie immer: zu kurz, zu eng, zu weit, zu hüftig – mit einem Wort mühsam. Einen kinderfreien Nachmittag könnte ich mir angenehmer vorstellen. Zum Beispiel in der Geisterbahn. Da hätte ich in kürzerer Zeit ähnliche Gefühle, dürfte aber zumindest laut schreien, ohne dass jemand sofort den psychosozialen Dienst verständigt. Irgendwann landet dann jedenfalls eine Mum-Jeans auf meinen Hüften, und, oh Wunder, passt sie auch. Weil ich auf keinen Fall noch länger unfreiwillig Gespräche von Teenies über ihre viel zu dicken Spaghettibeine hören möchte, beschließe ich die Jeans, „die meinen Namen trägt“ (dass DJ Ötzi jetzt in meinen Gedanken auftaucht, macht mir Angst. Vielleicht sollte ich doch… psychosozialer Dienst und so) zu kaufen. Immerhin ist sie bequem. Und immerhin ist sie gerade total in, wie mir diverse Frauenzeitschriften und die jungen Frauen auf der Straße bestätigen. Was ich aber noch nicht verstanden habe: warum will man als kinderlose Twentyirgendwas aussehen wie die eigene Mutter? Und warum müssen Kleidungsstücke überhaupt personalisiert werden? Tatsächlich gibt es ja auch eine Dad-Jeans, eine Boyfriend-Jeans und eine Jeans, die nach dem Onkel benannt ist. Ach so, nein, das war die Ankle-Jeans. Onkel, Ankle, Enkel – egal, für meine Verwandten am Land hört es sich so oder so wie ein Familienmitglied an. Alles soll derzeit irgendwie familiär klingen. Selbst das Eis ist mittlerweile nicht mehr einfach nur ein Eis. Sorten, wie das Twinnie oder das Twister, haben jetzt auch eine Schwester. Oida. Wer will seine eigene Schwester lutschen? Aber, das ist ein anderes Thema.

Apropos Eis. Mit der Mum-Jeans führe ich mich selbst ein bisschen aufs Glatteis. Denn neben einer plötzlich aufgetretenen Jeans-Unverträglichkeit habe ich schon seit längerem die Vermutung, dass ich auch aufs Muttersein irgendwie allergisch sein könnte. Denn wenn mich das Kleinkind schon am Morgen angrantelt, weil ich den Kakao in der falschen Flasche serviere, bekomme ich immer öfter heftigen Juckreiz. Und auch, als ich heute, bepackt mit neuen Kleidungsstücken nachhause komme und die Kinder schon im Stiegenhaus streiten höre, beginnt es in meinem Magen zu rumoren. Eindeutiges Zeichen einer Unverträglichkeit! „Hallo. Schön euch wieder zu sehen“, sage ich. „Was hat du uns mitgebracht?“, fragen Groß- und Kleinkind aus einem Mund. Es ist immer das Gleiche, egal ob ich vom Zahnarzt oder aus der Arbeit komme, die Kinder wollen Geschenke. Meine simple Anwesenheit reicht einfach nicht. Etwas beleidigt,will ich ihnen schon ein „Nichts“ vor die Füße knallen. Stattdessen schiebe ich mein Einkaufssackerl rüber und sage „eine Mama-Hose. Die ist jetzt immer für euch da, wenn ihr was braucht.“ Ja, vielleicht sind Modedesigner letzten Endes doch nur nette Menschen, die die Mum- und Dad-Jeans für den elterlichen Selbstschutz erfunden haben. Die Hoffnung stirbt jedenfalls zuletzt.

Eine Antwort auf „FAMILIENJEANS“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code