CRAZY FROG

Seit das Kleinkind auf der Welt ist, habe ich keinen Wecker mehr. Regelmäßig werde ich zwischen 6 Uhr 30 und 7 Uhr geweckt. Die Energieeffizienz unserer Wohnung hat das enorm optimiert. Unsere eigene eher nicht. Waren es früher „Crazy Frog“ oder „Jungle“, die mich hochschrecken ließen, ist es jetzt ein sehr laut Gerufenes „Mamaaaa, aufstehn“. Wenn ich nicht sofort aus dem Bett krieche, kriecht das Kleinkind zu mir. Und das tut in den meisten Fällen weh. Denn entweder landet ein Ellbogen im Auge oder eine Ferse im Bauch. Oder ich werde seekrank, weil das Kind wild hüpfend das Bett in ein Schiff verwandelt. Auch nicht so lustig.

Ich stehe also auf und mache mir zuerst mal einen Kaffee. Das habe ich mir in monatelanger Schwerstarbeit ausverhandelt. Kleinkinder können da unerbittlich sein. Logik oder das Erwähnen eigener Bedürfnisse – vergiss es! Alles schon ausprobiert, und auch die Wissenschaft sagt, dass Kinder erst im Alter von drei und vier Jahren verstehen können, dass andere Menschen anders denken und fühlen, als sie selbst. Um 7 Uhr in der Früh bin ich übrigens auf einem ähnlichen Level. Empathiefähigkeit gleich Null. Und ich kann beim besten Willen nicht verstehen, warum andere Menschen nicht mehr schlafen wollen. Aber mich fragt ja keiner. Mit dem Kaffee in der Hand schlurfe ich zum hellwachen und Ö3-Wecker-launigen Kleinkind und warte mal ab. Meist will es ein Buch vorgelesen bekommen oder reden. Ich nutze jede Sekunde, um in eine Art Halbschlaf zu fallen und überlasse dem Kind uneingeschränkt die Führung. Jesper Juul würde sich im Grab umdrehen, denn der Nachwuchs braucht einen Rahmen, um nicht später als Teenager die Familie zu tyrannisieren. Was genau wäre dann eigentlich anders? Über diese Frage muss ich später nochmal nachdenken.

Das Kind will heute offenbar reden. Das Thema – der menschliche Körper. Leicht beunruhigt sieht es mich an, zeigt auf seinen Fuß und sagt „Mama, da ist etwas Hartes“. Schlagartig werde ich wach, um dann gleich wieder wie ein wabbeliger Körper ohne Knochen (siehe Foto) zusammenzusinken. „Das ist dein Knöchel, Liebling.“ Offenbar habe ich etwas Wunderbares gesagt, denn das Kleinkind verkündet freudestrahlend: „Ja, das tut gar nicht weh.“ „Ähm, nein. Das gehört dorthin.” Das Kind denkt nach, und wieder nutze ich die Zeit. Dieses Mal, um dorthin zu schauen, wo moderne Mütter ihren Fernseher montiert haben – ins Narrenkastl.

“Mama, hast du auch einen Knöchel?“. „Ja.“ Ich spüre, heute wird ein guter Tag. Denn in der Regel gibt es zwei Varianten des Morgengesprächs. Das mit den Warum-Fragen und das mit den Ja/Nein-Fragen. Haferbrei vs. Nutellasemmel quasi. Aus den Augen des Kindes betrachtet natürlich. Das kleine Philosophikum nimmt seinen Lauf. „Hat mein Stoffpanda einen Knöchel?“ „Nein.“ „Hat der Papa einen Knöchel?“ „Ja.“ „Hat die Omi einen Knöchel?“ „Ja.“ „Hat die Lampe einen Knöchel?“ „Nein.“ „Hat ein Hund einen Knöchel?“ „Nein.“ „Warum nicht?“ Verdammt. Fehler im System. Es scheint, ich bin gerade eingenickt. Und, ich habe geträumt. Von „Crazy Frog“, der mich auf einem Motorrad entführt hat. „Ring, ring, ding, ding“. In meinem Traum war es zehn Uhr. Meine Augenlider waren nicht mehr verklebt und meine Beine nicht schwer wie Blei. Und plötzlich erinnere ich mich wieder, als wäre es gestern gewesen: So fühlt es sich also an, wenn man ausgeschlafen ist. All die Jahre habe ich “Crazy Frog” unrecht getan. Jetzt würde ich ihn am liebsten heiraten. Denn so nervig er auch ist, bei der Uhrzeit hat er immer mit sich verhandeln lassen.

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