FISCHE

Es war klar, dass das kommen wird. Früher oder später will jedes Kind ein Haustier. Kurz vor Beginn der Corona-Krise lag uns das Großkind so massiv in den Ohren, dass wir uns erweichen ließen. Ein Anfänger-Haustier, ohne Fell und Beine, sollte es werden. Eines, das uns nicht vermisst, wenn wir mal weg sind und das die Wohnung nicht auf den Kopf stellt. Dafür sind schon die Kinder zuständig. Also einigten wir uns auf Fische, und seit gut einem Monat steht im Kinderzimmer ein Aquarium. Mit ziemlich vielen Pflanzen drin. Fadenalgen, Punktalgen, Kieselalgen. Alle selbst gezüchtet. Meine ehemalige Biologie-Lehrerin wäre stolz auf mich. Während ich naiverweise dachte, wir stellen einfach einen Glasbehälter mit ein paar Fischen auf, haben wir jetzt eine Wasseraufbereitungsanlage, die ein Hochhaus versorgen könnte, inklusive Chemielabor. Und drei verschiedene Apps, die uns erinnern sollen, was wann zu tun ist. Der Mann nimmt das Thema ernst. Einmal pro Woche tauscht er das Wasser mindestens eine Stunde lang mit sehr angestrengtem Blick. Dabei ist er unansprechbar. Beim ersten Mal fanden die Kinder das noch unterhaltsam, mittlerweile pritscheln sie währenddessen lieber selbst im Badezimmer, und ich wische danach die halbe Wohnung auf. Die Arbeit muss schließlich gerecht verteilt werden.

Der Mann hat jetzt jedenfalls ein neues Hobby. Eines, das man praktischerweise drinnen ausüben kann. In Zeiten wie diesen nicht unwichtig. Neben dem Reinigen des Aquariums setzt er sich manchmal mit einem Sessel davor und schaut. Minutenlang. Fische haben wir bisher aber noch keine. Die Online-Bestellung ist noch nicht angekommen. Zuerst hieß es, es sei zum Versenden noch zu kalt. Dann, die Kurzarbeit hätte das Unternehmen ins Straucheln gebracht. Und jetzt, heißt es gar nichts mehr. Ich glaube ja, die Fische sind einfach gestorben. Denn, wenn ich mir vorstelle, ich werde in eine dunkle Kiste gepackt, kräftig durchgerüttelt und dann von einem Postler mit Mundschutz irgendwohin gebracht – der Herzinfarkt ist garantiert. Aber zum Glück bin ich ja kein Fisch und wurde auch nicht online bestellt. Der Mann und ich haben uns auf einem Zeltplatz in Italien kennengelernt.

Seit heute hat sich die Lage in der Causa „Aquarium“ verändert. Wir haben plötzlich doch einen Fisch, einen sehr großen. Nach Feiern ist mir und den Kindern aber trotzdem nicht zumute. Auch nicht nach stundenlangem Beobachten dieses einzigartigen Exemplars. Geht auch gar nicht, denn unser Fisch sitzt nicht im Wasser, sondern im Arbeitszimmer. Schon heute Früh war der Mann etwas komisch drauf. Er hat sich über seinen bevorstehenden Arbeitstag beschwert. Denn seine Firma schickt ihn für zwei Tage ins Homeoffice-Retreat, wo er an gruppendynamischen Workshops teilnehmen soll. Wenn ich an meine bisherigen Retreat-Erfahrungen denke, würde ich sofort mit ihm tauschen. Danach taten mir zwar meist die Sitzbeinhöcker weh, aber ich war sehr entspannt. Mehr zumindest als nach stundenlangem Malen nach Zahlen oder so tun, als wäre ich Peppa Pigs Mutter und liebte grunzen und in Matschepfützen springen.

Der Mann sitzt also im Arbeitszimmer und macht… Ja, was macht er dort eigentlich genau? Am Nachmittag erfahre ich es, denn er schickt mir ein Foto aufs Handy. Schwerer Fehler. Zuerst sehe ich Nemo, den kleinen Fisch, der seine Eltern verloren hat. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich meinen Mann. Er hat eine Fischaugen-Brille auf, die er in einem unbeobachteten Moment aus der Verkleidungskiste der Kinder gekramt haben muss und sitzt vor einer 3D-Unterwasserlandschaft. Hektisch schaue ich in meinen Kalender. Habe ich in der ganzen Corona-Entschleunigung etwa auf Fasching vergessen? Ein Blick auf die bunten Eier auf unserem Osterstrauch beruhigt mich. Aber nur kurz. Denn der Anblick des Mannes als Nemo bereitet mir Sorgen. Ich will schon darüber nachdenken, was genau ihm in diesen Tagen fehlen könnte, beschließe dann aber über meinen Schatten zu springen und es nicht anzusprechen. Stattdessen beschließe ich morgen in die Aquaristik-Abteilung im Bauhaus zu fahren und endlich echte Fische zu kaufen. Man muss ja nicht immer über alles reden.

AUSFLUG

Heute habe ich einen Ausflug gemacht. Alleine. Ich durfte mal wieder arbeiten gehen. Während andere Mütter mit ihren Kindern Ostereier suchen, suche ich in den Gängen des ORF-Zentrums mein Büro. Das Problem dabei: das halbe Haus, das ohnehin schon einem Labyrinth gleicht, wurde zur Sperrzone erklärt. Nachdem ich vor dem dritten Absperrband stehe, gebe ich auf und rufe im Sekretariat an. Per Telefon-Navi finde ich meinen Arbeitsplatz. Wo es normalerweise wie in einem Ameisenbau wuselt – im Großraumbüro wird telefoniert, geredet und ferngesehen, am Gang werden lautstark Schenkelklopfer-Witze verteilt und vor dem Fenster bohren und hämmern die Bauarbeiter – ist es still und leer, wie im Eisbärengehege in Schönbrunn. Man muss extrem lange warten, um mal einen Kollegen zu erblicken. An der Sportfront wird im Moment jedenfalls nicht gekämpft.

Ich kämpfe mich hingegen durch einen Haufen Emails mit Corona-Verhaltensregeln, schaue mir fertige Beiträge an und schreibe die dazugehörigen Moderationen. So produktiv war ich schon lange nicht mehr. Selbst, wenn ich mir früher im Büro demonstrativ Kopfhörer aufgesetzt habe, konnte ich immer noch die Formel 1-Autos brummen hören oder Rainer Pariaseks außergewöhnliches englisches „R“. Drei Fernseher, die gleichzeitig laufen, kann man nicht ausblenden. Nicht mal mit Meditationsmusik. Ich merke, wie niedrig und gleichmäßig mein Puls heute ist. Mein Nacken ist, trotz völlig unergonomischer Sitzposition (mein Kollege, mit dem ich mir den Arbeitsplatz teile, ist eineinhalb Köpfe größer als ich) nicht verspannt. Und plötzlich verstehe ich, warum meine Körpertemperatur innerhalb von drei Tagen massiv gesunken ist. Die neue Arbeitssituation macht mich tiefenentspannt, und so vollzieht sich der Klimawandel in mir auf vorbildliche Weise. Die Erreichung des 1,5 Grad-Ziels, für mich kein Problem! Jedem, der dieser Tage das ORF-Zentrum betritt, wird die Temperatur gemessen. Das Thermometer zielt auf meine Stirn und zeigt am Freitag 37,2, am Samstag 36,5 und am Sonntag 35,7 Grad. Marcus Wadsak würde sagen, die Wetteraussichten sind hervorragend. Doch ich fürchte, wenn es so weitergeht, bricht in mir noch die Eiszeit an. Gut also, dass ich in Kurzarbeit geschickt werde.

Mit Schaudern denke ich an meine Zukunft. Ich soll künftig nur mehr einen Tag pro Monat arbeiten. Meiner Familie erzähle ich davon sicherheitshalber noch nichts. Stattdessen denke ich über kreative Fluchtmöglichkeiten in die Arbeit nach. Ich könnte mich für die neue Sendung „Wir bewegen Österreich“ anbieten und vorschlagen den Küniglberg zu umrunden. Hält sicher fit. Doch dann fällt mir ein, dass erst unlängst ein Motorradfahrer gestraft wurde, weil er, statt von A nach B, im Kreis gefahren ist. Diese Option fällt also weg. Wahrscheinlich hätte ich aber so und so eine Anzeige bekommen. Denn nachdem es am Küniglberg besonders viele Villen gibt, hätte man mich sicher bald für eine Spionin gehalten. „Mata Mari“ quasi. Den perfekten Namen dafür hätte ich zumindest schon.

Meine neue Garderobe lenkt mich ein bisschen von meinen schwarzen Zukunftsgedanken ab. Sie ist auch schwarz, aber mit viel Glitzer. Meine Moderationskleidung hängt neuerdings im ehemaligen Dancing Stars-Studio. Nachdem das Büro ja vom Großraum zu einem Kleinraum geschrumpft ist, hat man es bei den Garderoben genau umgekehrt gemacht. Irgendwo muss man das Gefühl von Größe ja ausleben. Mit rund dreißig anderen Moderatoren teile ich mir also meine glamouröse Garderobe, die so groß wie ein halbes Fußballfeld ist. Wenn ich Glück habe, zieht sich zeitgleich mit mir ORF-Schönheit Christoph Feuerstein um, und ich kann ihn durch die Kleiderständer hindurch beobachten. Eine fantastische Idee: Wenn andere in den Raucherhof gehen, gehe ich ab jetzt spannen.

Ich rutsche auf dem Dancing Stars-Parkett hin und her und versuche mich wie ein Star zu fühlen, als ich plötzlich ein Orchester höre. Oder war es doch nur mein Magen? Von den unzähligen Neuerungen an meinem Arbeitsplatz abgelenkt, habe ich völlig aufs Essen vergessen. Und auch das ist neu, denn normalerweise esse ich immer. Schon in der Schule habe ich meinen Mitschülerinnen die Jause weggefuttert . Die Mädchen, die permanent auf Diät waren, waren heilfroh ihre Schinken-Käse-Brote mit Mayonnaise, Ei oder sonstigen Weight-Watchers-Albträumen in meinem Magen zu entsorgen. Selbst bei meiner Reportage-Sendung „Mein Leben“ habe ich es ungeplant geschafft in jeder Folge der ersten Staffel zu essen. Mein neuer Sendungsverantwortlicher hat mir das dann leider verboten. Denn „nur Bösewichte essen im Fernsehen.“ Er hat mich tatsächlich mit Al Pacino in „Der Pate“ verglichen. Geil. Jedenfalls stehe ich in der neuen Moderatoren-Garderobe und kann mein Glück nicht fassen. An der Decke hängen Kristallluster, rund um mich ein Meer aus Seidenblusen und Designerhosen und auf dem Stoff an den Wänden sind Glitzerperlen. Ich meine Glitzerperlen! Ein bisschen fühle ich mich wie im Zimmer meiner Kinder. Nur, dass hier definitiv nicht so viel Zeug am Boden liegt.

Meine Nackenhaare stellen sich unerwartet auf. Ich habe schreckliche Bilder im Kopf. Doch in Zeiten der Krise soll man ja versuchen positiv zu bleiben. Also probier ich es mit Affirmationen. Mit Sätzen, die meine Gedanken umprogrammieren sollen. Ich habe gelesen, es gibt Menschen, die können ihren Verstand auf Geld optimieren und dadurch reich werden. Warum soll diese Art von Zauberei nicht auch meinem zukünftigen Hausfrauendasein dienlich sein? Statt „Ich liebe Geld. Geld fließt in mein Leben“ und „Geld ist gut für mich“, sage ich mir ab jetzt „Ich liebe putzen. Putzen fließt in mein Leben“ und „Zusammenräumen ist gut für mich“. Und schon spüre ich, die Kurzarbeit ist gar nicht so schlecht. Endlich habe ich genügend Zeit im Kinderzimmer so richtig Ordnung zu machen. Ich bin begeistert. Ob das meine Kinder auch so toll finden?

KÖRPERPFLEGE

Nachdem ich mich derzeit nicht so oft in den Spiegel schaue, vergesse ich vermehrt auf bestimmte Details der Körperpflege. Dass es ein Problem gibt, merke ich unter anderem daran, dass die Gesichtserkennung am Handy nicht mehr so funktioniert, wie sie soll. Jedes zweite Mal muss ich jetzt einen Code eingeben, statt nur zu lächeln. Deshalb hab ich mir heute eine Erinnerung angelegt. „Augenbrauen zupfen“. Mittlerweile wuchert es ordentlich in meinem Gesicht. Die Pickel sprießen, weil Schokolade zu meinen neuen Grundnahrungsmitteln zählt – da wir nicht so oft einkaufen gehen, versuche ich schlau hauszuhalten. Und Schokolade hält sich einfach länger, als frisches Obst – und meine Stirnfransen bedecken schon fast meine Augenbrauen. Wenn ich es mir genau überlege, könnte ich das mit dem Zupfen also auch gleich wieder lassen. Der Aufwand und die Schmerzen lohnen sich im Grunde gar nicht. Jetzt, wo man die Augenbrauen eh kaum mehr sieht. Vielleicht warte ich mit der Gesichtshygiene doch noch bis nach Ostern. Das Großkind hat sowieso schon den Verdacht geäußert, dass ich der Osterhase bin. Mit mehr Fell am Körper schau ich auch mehr danach aus. Zwei Fliegen mit einer Klappe quasi.

Ich wünsche mir mittlerweile übrigens, genau wie die Kinder, dass jeden Tag Ostern ist. Denn seit einigen Tagen läuft das Großkind gleich nach dem Aufstehen in den Garten, um nachzuschauen, ob der Osterhase schon da war. Das Kleinkind natürlich hinterher. Wie durch ein Wunder können sich die Kinder plötzlich selbständig anziehen, und auch das Zähneputzen ist kein Thema mehr. Danke, Osterhase. In unserem Garten gibt es zum Glück eine Menge Sträucher und Bäume, also viel Platz, um Eier und andere Sachen zu verstecken. Und so sind die Kinder mindestens eine halbe Stunde beschäftigt. Dass der Osterhase die Geschenke nicht in der Erde vergräbt, hätte ich ihnen vielleicht erklären sollen, aber was solls. Ich will nicht kleinlich sein. Zum ersten Mal seit Wochen kann ich meinen Morgenkaffee in Ruhe trinken. Warm und ohne währenddessen mindestens fünf Mal aufzustehen, um das Licht am Klo aufzudrehen, verschüttetes Wasser vom Boden aufzuwischen oder den Finger der Kleinkindes von den Haaren des Großkindes zu lösen. Mein Quarantäne-Alltag wird also immer besser. Wer hätte gedacht, dass es so einfach geht. Wobei. Es heißt ja auch Schönheit hat ihren Preis und genauso hat in Ruhe Kaffee trinken seinen Preis. Denn nachdem die Kinder wieder keine Eier gefunden haben und deprimiert angekrochen kommen, muss ich sie erstmal ausgiebig trösten. Und meistens auch gleich nochmal umziehen.

Das Großkind findet den Osterhasen mittlerweile richtig blöd und mich sicherheitshalber gleich dazu. Doch dann hat es eine Erkenntnis. Die Erkenntnis schlechthin. Vielleicht ist der Osterhase noch nicht gekommen, weil er Corona hat. Vielleicht ist er krank geworden. Und, wenn er nicht krank ist, darf er dann überhaupt zu uns kommen? Keine fremden Menschen besuchen und so. Die nächsten Minuten werde ich mit Fragen gelöchert. Teilweise höchst philosophische Fragen, wie „wie kann der Osterhase die schweren Geschenke ganz alleine tragen? oder „wie kommt der Osterhase überhaupt in unseren Garten, wenn er keinen Schlüssel hat?“. Es ist 7 Uhr 30. Das Koffein hat mich zwar munter gemacht, doch es wirkt plötzlich nicht mehr. Kinderfragen und Koffein vertragen sich nicht so gut. Ich bin unendlich müde. Vor allem, wenn ich daran denke, dass ich morgen schon um sechs Uhr aus dem Bett muss, weil ich dem Osterhasen ja helfen muss. Die Tür aufsperren zum Beispiel. Ich hoffe nur, die Kinder haben dann überhaupt noch Lust zu suchen.

KENNENLERNEN

Seit der Mann zuhause ist, verstehe ich immer mehr, was mit der Aussage „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ gemeint ist. Wir sprechen definitiv nicht dieselbe Sprache. Vor allem in der Mittagspause, wenn er aus seinem Heimbüro geschlurft kommt, wird mir das klar. Ich, die den ganzen Vormittag mit den Kindern in Rollenspielen meine schauspielerischen Fähigkeiten unter Beweis gestellt habe, bin geil darauf endlich Erwachsenengespräche zu führen. Der Mann, der den Vormittag in Skype-, Zoom- und weiß der Kuckuck welchen Video-Konferenzen verbracht hat, verbindet mit dem Begriff „geil“ sicher kein Gespräch. Wobei, das war schon immer so. Jedenfalls schweigt er während des Essens meistens, um danach wieder im Homeoffice zu verschwinden. Nachdem das Arbeitszimmer gleich neben unserer Toilette ist und die Wände unserer Wohnung dünn sind, kann ich ihn manchmal belauschen. „SQL-Server, live gehen und Bypass-Email-Deduplication“ sind Wortfetzen, die ich aufschnappe, während ich versuche möglichst leise zu pinkeln. Es ist, als wäre ein Außerirdischer in unserer Wohnung gelandet. Er hat die Stimme des Mannes, spricht aber definitiv nicht unsere Sprache.

Auch sonst lernen wir uns seit Beginn der Quarantäne in einigen Punkten neu kennen. Nach über fünfzehn Jahren Beziehung kann das ungemein erfrischend sein. Dass der Mann ein geselliger Typ ist, habe ich schon immer gewusst. Dass er seine Freunde so sehr vermisst, dass er sich zu einem Online-Gaming-Abend hinreißen lässt, um Zombies zu bekämpfen, kommt doch etwas unerwartet. Während er also sein Spieledate hat, stehe ich in der Küche und date „Bernd das Brot“. Ich weiß, ich bin ziemlich Mainstream. Aber immerhin backe ich glutenfrei. „Hallo? Hallo?“ tönt es aus dem Wohnzimmer, wo der Mann mit dem Laptop auf der Couch sitzt. Seine Stimme klingt irgendwie verzweifelt. Zögerlich mache ich einen Schritt in seine Richtung. Jetzt klatscht er in die Hände und ruft „Super. Ich hab‘s“. Zombies töten kehrt scheinbar seine emotionale Seite hervor. Und seine Kreativität. Ich bekomme Angst. Denn jetzt stöhnt er und sagt „Ich hab mich gerade in eine Schachtel gesetzt und komm nicht mehr raus“. Drei Mal wiederholt er es, und ich frage mich, wie nochmal die Nummer der Hotline geht, die man bei diesen Symptomen anruft?

Die lange Isolation kehrt aber nicht nur beim Mann neue Seiten der Persönlichkeit hervor. Auch ich kann so manche Begierde und Leidenschaft nicht mehr länger verbergen. Neuerdings putze ich. An manchen Tagen sogar exzessiv. Heute habe ich rund zwei Stunden lang unser Wohnzimmer gesaugt. Nicht, weil ich im Staubsaugen meine Berufung gefunden habe oder weil mich das Brummen so beruhigt. Auch nicht, weil mir, wie man vermuten könnte, langweilig ist. Nein. Ich habe so lange gesaugt, weil ich dazugehören will. Zur Gruppe der fitten Menschen auf Social Media. Zu denjenigen, die sich ständig beim Workout filmen. Die keine Scheu haben ihren Schweiß und ihre vor Anstrengung zusammengekniffenen Lippen in die Kamera zu halten. Weil ich denke, das kann ich auch, beschließe ich ins Business einzusteigen und Fitness-Videos für Mütter zu produzieren. Doch ich merke, das ist gar nicht so einfach. Bis die Kamera so eingestellt ist, dass sie mich im Goldenen Schnitt zeigt und bis der Lichteinfall passt, ist der halbe Vormittag um. Und dann soll es ja auch noch so aussehen, als hätte ich Spaß. Ich frage mich, wie die Anderen das bloß hinkriegen. Ständig zu lächeln, obwohl die Übungen meistens noch viel komplizierter sind, als bei meinem Putz-Workout.

Neben einem Krampf im Unterkiefer, spüre ich, dass ich am Puls der Zeit bin. Dass da draußen eine riesige Zielgruppe auf mich wartet. Drei Likes hab ich jedenfalls schon. Vom Mann, vom Groß- und vom Kleinkind. Es tut gut endlich wieder wahrgenommen und nicht aufs Hausfrauendasein reduziert zu werden. Mit dem Mann vereinbare ich ab jetzt auch für mich Homeoffice-Zeiten, um mein Business voranzutreiben. Ich verdiene damit zwar noch kein Geld, bin in der Außenwelt aber wieder relevant. Und das ist alles, was zählt. Denn was bitte sind schon ein paar Euro gegen einen Haufen Likes? Morgen filme ich mich übrigens beim Wäscheaufhängen. Also, stay tuned!

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SCHWARZER PETER

Nach der Geburtstagsfeier haben wir alle einen Kater. Er ist dick und fett, wie Garfield, der Held meiner Kindheit. Und genauso schlecht gelaunt. Vor allem das Großkind ist heute mit einer ordentlichen Portion Grant aufgewacht und findet schon beim Frühstück mindestens drei Dinge, die blöd sind. Die, blöderweise, ich falsch gemacht habe. Das falsche Müsli gekauft, die Milch zu wenig stark gewärmt und den Löffel auf die falsche Seite der Schüssel gelegt. Für Tage wie heute wünsche ich mir nichts sehnlicher, als Ohropax. Und eine Augenklappe. Nichts sehen und hören. Wenigstens für zehn Minuten.

Solange ist das Großkind gestern vor der Tür gesessen, hinter der ich Yoga gemacht habe und hat gewinselt. Neben einem Tag Urlaub und einem Kuchen, hab ich mir vom Mann ja Yoga zum Geburtstag gewünscht. Also eigentlich hab ich mir gewünscht, dass er eine Stunde auf die Kinder schaut und ich nicht gestört werde. Hat super geklappt. Nicht. Das Großkind sitzt also vor der Tür, hinter der ich im herabschauenden Hund verharre und winselt. Ich überlege, ob das auch eine Art Yoga-Praxis ist und stimme nach kurzer Zeit in den Hundegesang ein. Aus meinem Winseln wird jedoch bald ein Bellen. „Kann ich nicht mal ein paar Minuten Ruhe haben? Nicht mal an meinem Geburtstag?“ Das Großkind schleudert mir ein „du bist so gemein“ entgegen und läuft weg. Nachdem ich mich fürs Yoga eh noch nicht richtig aufgewärmt habe, laufe ich hinterher. „Was ist los?“ „Es ist so gemein, dass du  Geburtstag hast und ich nicht“. Verstehe. Daher weht der Wind. Mein Kind ist auf mich eifersüchtig, weil ich auch einmal im Jahr Geburtstag habe und Geschenke bekomme. Einatmen. Ausatmen.

Ich verlagere meine Yoga-Stunde ins Wohnzimmer und baue das Reden als neues Element ein. Schließlich einigen wir uns darauf, dass sich an meinem Geburtstag jeder was wünschen darf. Das Großkind will Videos schauen, das Kleinkind Eis, der Mann Wein, und zwar viel, und ich wünsche mir einfach nur Ruhe. Also sperre ich mich wieder in mein Zimmer ein und begebe mich in die Totenstellung. Tiere, wie das Opposum machen das übrigens genauso, um sich vor Feinden zu schützen. Bis zu sechs Stunden lang, können sie in dieser Stellung verharren. Ganz so lange halte ich es dann aber doch nicht aus.

Heute ist jedenfalls ein neuer Tag, der Tag nach dem Geburtstag und ein weiterer Tag in der Quarantäne. Der Mann ist wieder im Homeoffice, ich wieder im Mamakostüm mit dünnem Nervenkostüm. Auch nach dem Frühstück ist das Großkind immer noch grantig. Weil ich ihm die Haare bürsten will, zuckt es komplett aus und schließt sich im Kinderzimmer ein. Also, versuche ich in der Zwischenzeit das Kleinkind zu unterhalten. Ist ja auch arm so im Einzugsgebiet zweier feuerspeiender Vulkane. Wir spielen „Schwarzer Peter“ und natürlich verliere ich. Immer und immer wieder. Und für jedes Mal bekomme ich einen Punkt auf die Nase. Das Kleinkind hat schon immer gerne gemalt. Weil der schwarze Stift im Bermudadreieck unserer Wohnung verschwunden ist, verwenden wir einen braunen. Ich höre eine Türklinke und schlurfende Schritte in unsere Richtung. Das Großkind ist wieder da. Mit immer noch grantiger Miene. Als es mich anschaut, verändert sich sein Gesichtsausdruck aber schlagartig und es fängt an zu lachen. „Die Mama hat Kacka auf der Nase“. Wie schön. Das Großkind ist wieder gut drauf. Der Tag ist gerettet.

GEBURTSTAG

Geburtstage sind wunderbar. Der Mann hat sich heute auf meinen Wunsch hin frei genommen. Ein größeres Geschenk hätte er mir derzeit nicht machen können. Einen Tag mal nicht für fast alles verantwortlich sein. Ein Traum! Aber es ist kein Traum, als ich heute Früh aufwache und mir dezenter Schokoladenduft in die Nase strömt. Ich denke schon, die Kinder haben das geheime Zuckerlager geplündert, als der Mann mit einem selbstgebackenen Kuchen ans Bett kommt. Doch ein Traum? Nein. Sollte ich jemals daran gezweifelt haben. Jetzt weiß ich wieder, warum ich diesen und nur diesen Mann geheiratet habe.

Die Kinder, die aufgeregt durch die Wohnung laufen, haben auch ein Geschenk für mich. Sie borgen mir kurz ihre Lieblings-Kuscheltiere und verschwinden wieder. Zumindest muss ich nichts auspacken und wir schonen die Umwelt. Wie aufmerksam von ihnen. Ich liege also alleine im Bett und kann mein Glück kaum fassen. Links von mir ein Pandabär mit Speichelflecken, rechts ein Hase mit nur einem Ohr. Für etwa zwei Sekunden genieße ich diesen Moment. Das Nichtstunmüssen, die Stille. Plötzlich höre ich jemanden schreien. „Ich will aber jeeeetzt ein Stück Kuchen.“ Auch die Kinder können ihr Glück – Schokoladenkuchen zum Frühstück – nicht fassen, tun sich mit Geduld aber recht schwer. Ich merke also, ich hab die Wahl zwischen ausschlafen oder auch ein Stück von meinem Geburtstagskuchen abbekommen. Ich wähle Zweiteres. Ausschlafen ist sowieso überbewertet, und langsam aber sicher muss ich mich auf die senile Bettflucht vorbereiten. Früh übt sich und so.

Nachdem wir zu viert einen ganzen Kuchen verputzt haben, nutze ich die Gunst der Stunde und starte das Projekt „Anziehen“. Nach der Überdosis Zucker sind die Kinder nämlich in eine Art Trance gefallen. Willenlos heben sie Arme und Beine und lassen sich T-Shirts und Hosen überstülpen. Die einzige Bedingung, die sie stellen – es muss was Schönes sein, weil ich ja heute Geburtstag habe. Zu besonderen Anlässen muss man sich schick machen, lerne ich. Spätestens jetzt wird mir klar – ich habe zwei Mädchen. Kurze Zeit später läuft die Eine in rosa-pink gehüllt durch die Wohnung und ruft „Ich bin die Schönste.“ Die andere, in lila-türkis-glitzer, läuft hinterher und brüllt „Nein, ich bin die Schönste.“ Ich spüre, ich muss handeln. Rasch. Die Stimmung ist kurz davor zu kippen. Also werfe ich mich vor den Kindern in Pose und rufe laut „Nein, ich bin die Schönste.“ Meistens entschärft es den Wettkampf, wenn Mama mitmacht. Wenn ich ein Spiel daraus mache und damit zeige, wie lächerlich das Ganze eigentlich ist. Also, das Streiten.

Es dauert keine Sekunde und die Kinder sind ruhig. Sie sehen einander an und fangen an zu lachen. „Nein, Mama, das geht so nicht“. Wieder lachen beide. Nur mir bleibt das Lachen im Hals stecken. Wie, das geht so nicht? Gestern war ich im Spiel doch ein Hund und bin hechelnd durch die Wohnung gekrochen. Vorgestern war ich eine gute Fee, die Wünsche erfüllen kann. Und heute kann ich nicht die Schönste sein? Nicht mal im Spiel? So schnell geht es also. Keine Vorbereitungszeit, kein dezenter Übergang. Kaum bin ich 40 geworden, ist der „fuckability factor“ dahin . „Was, Mama?“ Das Großkind schaut mich mit meerblauen Augen an. Ich schaue auf seine blonden langen Haare und weiß, in dem Leben gewinne ich keinen Schönheitswettbewerb mehr. Nicht mal im Spiel. Am liebsten würde ich mich für den Rest des Tages im Bett verkriechen und mich selbst bemitleiden, aber leider scheint heute ja die Sonne und wir müssen raus. Picknickmachen im Park, Wein trinken und Eistorte essen. Geburtstage sind echt anstrengend.

KICK

Heute hab ich mir den lang ersehnten Kick in meine kleine Quarantäne-Welt geholt. Ich war in der Dämmerung laufen. Beim Anziehen der Schuhe wundere ich mich, warum die so dreckig sind. Wann bin ich das letzte Mal im Sand gelaufen? Bei genauerem Hinsehen merke ich, es ist Staub. Ich hab wirklich lange nicht mehr Sport gemacht, weil ständig krank. Aber jetzt ist es endlich wieder soweit. Ich trabe los und fühle mich herrlich. Meine Beine sind zwar eingerostet, aber das Gefühl von Freiheit beflügelt mich. Ich merke, wie ich immer schneller werde und meine Pulsuhr allmählich rote Zahlen anzeigt. Ich fühle mich irgendwie verfolgt und dennoch gut. Denn ich spüre, ich hänge die Verfolger ab. Küche und Waschmaschine. Staubsauger und Wischmop. Das zu viel an Nähe ist auf Dauer nicht gut für die Beziehung. Kurz habe ich tatsächlich Fluchtgedanken, doch dann fallen mir die friedlichen Gesichter meiner schlafenden Kinder ein, und mir wird warm ums Herz.

Ich laufe im Park, in der Nähe meines Elternhauses. Nachdem ich meinen Eltern Lebensmittel vorbei gebracht habe, nutze ich die noch kurze Zeit bis die Sonne untergeht, um meinen Kopf auszulüften. Gruselig ist es schon, so alleine im Halbdunkel. Ich erinnere mich an die Kinderserie „Die kleine Prinzessin“. An die Folge, in der die Prinzessin nicht einschlafen kann, weil sie sich vor den Schatten der Bäume fürchtet. Wie riesige Monsterarme wandern sie durch ihr Zimmer. Hier ist es gerade ähnlich. Nur, dass bei mir sicher kein Kindermädchen kommen wird, um neben mir zu übernachten. Doch. Es kommt jemand. Ich sehe Schatten auf mich zukommen und höre Stimmen. Jetzt erschrecke ich so richtig. Denn es sind Menschen! Durch das Social Distancing bin ich es nicht mehr gewöhnt Menschen in freier Wildbahn zu treffen. Im Stiegenhaus, ja, und hin und wieder im Supermarkt. Doch das ähnelt dann mehr einem Ausflug im Zoo. Jetzt ist es, als wäre ich mitten auf einer Safari. Nur, dass ich unter den freilaufenden Löwen bin. Ich keuche mittlerweile, weil ich zu schnell gelaufen bin. „Verdammt. Die denken sicher ich hab Corona“, schießt es mir durch den Kopf.

Ich versuche mich abzulenken. Bei Angst und Kleinkindern hilft das immer. Deshalb denke ich an etwas noch Schlimmeres, als meine momentane Situation. Ich erinnere mich an ein Erlebnis vor zehn Jahren. Auch im Wald, im Norden von Indien. Der Tag bricht gerade an, und ich spaziere zu meinem Yoga-Unterricht. Täglich dreißig Minuten durch dichten Dschungel. Dabei klatsche und singe ich. Nicht weil ich so musikalisch bin, sondern weil es hier Bären und Leoparden gibt, und es besser ist, sie nicht zu überraschen. Die Gefahr ist also allgegenwertig. Fast so, wie in Zeiten des Corona-Virus. Abstand halten ist auch hier das oberste Gebot. Doch dann passiert es. Das Unvermeidliche. Ein Felsbrocken, groß genug, um einen Bären zu verstecken, versperrt mir den Weg. Ich kann unmöglich sehen, was dahinter ist. Also schreie und klatsche ich noch lauter, während ich mich mutig vorwärts taste. Mein Puls klatscht fast genauso so laut, wie meine Hände. Und plötzlich setzt er aus. Denn ich sehe Augen, die mich anstarren. Augen, die nicht einfach schauen, sondern mich fixieren, als wäre ich eine saftige Banane. Mit dem Schrei, der aus meinem Mund kommt, wäre ich die perfekte Vorlage für Edvard Munchs berühmtes Bild gewesen. Ein Affe sitzt hinter dem Felsen und glotzt mich an.

Die Menschen, die gerade an mir vorbeispazieren, glotzen wenigstens nicht. Sie wünschen mir nur einen „Guten Abend“. Ich merke, Menschen sind gar nicht so schrecklich. Oder doch? Ich weiß es nicht mehr so genau. Nachdem ich kaum mehr meine Hand vor den Augen sehen kann, laufe ich zurück zum Auto. Dabei denk ich wieder an die friedlichen Gesichter meiner schlafenden Kinder und freue mich auf einen ruhigen Abend.

Es ist 21 Uhr 30, als ich den Motor vor unserem Haus abstelle. Im Wohnzimmer brennt noch Licht. Bestimmt liegt der Mann auf der Couch und erwartet mich. Im Stiegenhaus höre ich Stimmen. Kinderstimmen. „Bestimmt sieht nur jemand zu laut fern“, denke ich noch, bevor ich mein Großkind schreien höre. „Papa, ich bin noch nicht müde“. Und plötzlich ist es wieder da. Das Gruseln, das Fürchten und die Gänsehaut von vorhin. Meine Kinder sind also immer noch wach. Mir wird klar, dass das Wort Kick zwei Bedeutungen hat. Eine positive und die aus dem Fußballjargon. Autsch. Dieser Kick geht jedenfalls mitten in die Magengrube.   

SILVESTER

Seit Tagen schon redet das Großkind davon, dass es gerne mal wieder länger aufbleiben will. Es spürt, dass wir Eltern, aufgrund der Isolation, irgendwie verändert sind. Weil wir den ganzen Tag Jogginghosen anhaben und manchmal nicht wissen, welcher Tag ist. Weil ich begonnen habe mit mir selbst zu sprechen und der Mann sich manchmal im ehemaligen Wickelzimmer einschließt. Zum Arbeiten. Das Kind spürt, dass wir unsere Standfestigkeit verloren haben und schlägt beinhart zu. „Mama, kann ich heute bitte so lange aufbleiben wie zu Silvester?“ Also, gut. Wir haben eh keine Kraft mehr. Und so wird der 4. April 2020 für das Großkind zum neuen Silvester. Die Chinesen haben ja auch ein eigenes Datum für Neujahr. Warum nicht auch wir?

Von der zappeligen Euphorie der Großen kriegt das Kleinkind zum Glück nichts mit und schläft, wie gewohnt, um acht Uhr ein. Danach verwandelt sich das Wohnzimmer in einen bebenden Dancefloor. Wir tanzen zu „Girls just wanna have fun“. Eine Mischung aus Ringelreihen und raven. Die Vorhänge sind sicherheitshalber zugezogen. Ich habe mir vorgenommen ein bisschen Kulturvermittlung zu leisten. Quasi eine Einführung in meine musikalische Vergangenheit. Der Mann trägt das Übrige dazu bei. Mit einer Flasche Bier und einem Glas Baileys gesellt er sich zu uns. Die 90er sind zurück, und ich fühle mich schlagartig verjüngt. Von Krise keine Spur mehr. Corona und Midlife – für mich Fremdwörter.

Nächste Woche werde ich 40. Die Sonnen auf meiner Wetter-App grinsen mich zynisch an. Es kriegt zwanzig Grad. Im April. Deshalb habe ich beschlossen eine fette Party zu machen. Mit einer Hüpfburg im Garten (die Überreste der 40er Feier des Mannes) und Eistorte, geliefert von meinem Lieblings-Eissalon. 40 ist das neue 10! Irgendsowas hab ich unlängst in einer Frauenzeitschrift gelesen. Ist mir im Rahmen der Recherche zum Thema Midlifecrisis untergekommen. Von Berufs wegen muss ich mich oft mit seltsamen Themen auseinandersetzen. Weil man also in so jungen Jahren eh noch nicht ausgehen darf, bin ich heilfroh froh, dass Bars und Restaurants gerade geschlossen sind. Mit Freunden und Bekannten zu feiern hätte mich nur gestresst. Und was so eine Feier kostet, will ich mir gar nicht ausrechnen. Da gönn ich mir lieber eine doppelte Familienpackung Eis.

Verschwitzt setze ich mich auf die Couch. So eine Zeitreise in die Vergangenheit ist ganz schön anstrengend. Das Großkind kuschelt sich müde zu mir. Ich drücke es enger an mich und will sowas wie „Schatz, ich hab dich lieb“ sagen. Stattdessen sagt das Kind: „Mama, du stinkst“. Ehrlichkeit tut so gut. Weil ich aber doch nicht arg genug stinke, kuschelt sich das Kind selig an mich und fragt: „Mama, warum hab ich eigentlich eine Schwester?“ Hallo? Wo kommt das denn plötzlich her? Es ist 22 Uhr und Silvester! Ich habe Schuldgefühle und Panik. Wahrscheinlich habe ich den Mann vorhin zu lange angesehen? Wahrscheinlich bin ich zu nah an ihm vorbeigetanzt? Das arme Kind hat die sexuellen Schwingungen mitbekommen. Jetzt wirds also ernst. Angestrengt formuliere ich eine Antwort. Da hakt das Kind nach „Warum gibt es manchmal eine Schwester und manchmal einen Bruder?“ Ich verstehe nicht. „Also, warum heißen die so?“ Ich verstehe die Frage noch immer nicht, höre mich aber sagen „weil das zwei schöne Worte sind.“

Plötzlich knallt es in der Küche. Die ersten Silvesterkracher. Der Duft von frischem Popcorn steigt mir in die Nase. Der Mann, der von der Dramatik des Gesprächs nichts mitbekommen hat, kommt mit einer großen Schüssel zu uns. Er rettet mich damit, und das werde ich ihm nie vergessen. Das Popcorn wird zum Highlight des Abends und der Sexualunterricht bis auf weiteres vertagt. Den Jahreswechsel hab ich übrigens auch dieses Mal verschlafen.

CRAZY FROG

Seit das Kleinkind auf der Welt ist, habe ich keinen Wecker mehr. Regelmäßig werde ich zwischen 6 Uhr 30 und 7 Uhr geweckt. Die Energieeffizienz unserer Wohnung hat das enorm optimiert. Unsere eigene eher nicht. Waren es früher „Crazy Frog“ oder „Jungle“, die mich hochschrecken ließen, ist es jetzt ein sehr laut Gerufenes „Mamaaaa, aufstehn“. Wenn ich nicht sofort aus dem Bett krieche, kriecht das Kleinkind zu mir. Und das tut in den meisten Fällen weh. Denn entweder landet ein Ellbogen im Auge oder eine Ferse im Bauch. Oder ich werde seekrank, weil das Kind wild hüpfend das Bett in ein Schiff verwandelt. Auch nicht so lustig.

Ich stehe also auf und mache mir zuerst mal einen Kaffee. Das habe ich mir in monatelanger Schwerstarbeit ausverhandelt. Kleinkinder können da unerbittlich sein. Logik oder das Erwähnen eigener Bedürfnisse – vergiss es! Alles schon ausprobiert, und auch die Wissenschaft sagt, dass Kinder erst im Alter von drei und vier Jahren verstehen können, dass andere Menschen anders denken und fühlen, als sie selbst. Um 7 Uhr in der Früh bin ich übrigens auf einem ähnlichen Level. Empathiefähigkeit gleich Null. Und ich kann beim besten Willen nicht verstehen, warum andere Menschen nicht mehr schlafen wollen. Aber mich fragt ja keiner. Mit dem Kaffee in der Hand schlurfe ich zum hellwachen und Ö3-Wecker-launigen Kleinkind und warte mal ab. Meist will es ein Buch vorgelesen bekommen oder reden. Ich nutze jede Sekunde, um in eine Art Halbschlaf zu fallen und überlasse dem Kind uneingeschränkt die Führung. Jesper Juul würde sich im Grab umdrehen, denn der Nachwuchs braucht einen Rahmen, um nicht später als Teenager die Familie zu tyrannisieren. Was genau wäre dann eigentlich anders? Über diese Frage muss ich später nochmal nachdenken.

Das Kind will heute offenbar reden. Das Thema – der menschliche Körper. Leicht beunruhigt sieht es mich an, zeigt auf seinen Fuß und sagt „Mama, da ist etwas Hartes“. Schlagartig werde ich wach, um dann gleich wieder wie ein wabbeliger Körper ohne Knochen (siehe Foto) zusammenzusinken. „Das ist dein Knöchel, Liebling.“ Offenbar habe ich etwas Wunderbares gesagt, denn das Kleinkind verkündet freudestrahlend: „Ja, das tut gar nicht weh.“ „Ähm, nein. Das gehört dorthin.“ Das Kind denkt nach, und wieder nutze ich die Zeit. Dieses Mal, um dorthin zu schauen, wo moderne Mütter ihren Fernseher montiert haben – ins Narrenkastl.

„Mama, hast du auch einen Knöchel?“. „Ja.“ Ich spüre, heute wird ein guter Tag. Denn in der Regel gibt es zwei Varianten des Morgengesprächs. Das mit den Warum-Fragen und das mit den Ja/Nein-Fragen. Haferbrei vs. Nutellasemmel quasi. Aus den Augen des Kindes betrachtet natürlich. Das kleine Philosophikum nimmt seinen Lauf. „Hat mein Stoffpanda einen Knöchel?“ „Nein.“ „Hat der Papa einen Knöchel?“ „Ja.“ „Hat die Omi einen Knöchel?“ „Ja.“ „Hat die Lampe einen Knöchel?“ „Nein.“ „Hat ein Hund einen Knöchel?“ „Nein.“ „Warum nicht?“ Verdammt. Fehler im System. Es scheint, ich bin gerade eingenickt. Und, ich habe geträumt. Von „Crazy Frog“, der mich auf einem Motorrad entführt hat. „Ring, ring, ding, ding“. In meinem Traum war es zehn Uhr. Meine Augenlider waren nicht mehr verklebt und meine Beine nicht schwer wie Blei. Und plötzlich erinnere ich mich wieder, als wäre es gestern gewesen: So fühlt es sich also an, wenn man ausgeschlafen ist. All die Jahre habe ich „Crazy Frog“ unrecht getan. Jetzt würde ich ihn am liebsten heiraten. Denn so nervig er auch ist, bei der Uhrzeit hat er immer mit sich verhandeln lassen.

JACK NICHOLSON

Die Quarantäne kehrt immer stärker meine diabolische Seite hervor. Heute gab es Quinoa zum Frühstück und dazu das obligatorische Bäh von allen Seiten. Während ich also genüsslich mein Superfood mit gebratenen Birnen und Kokosjogurt esse (von irgendwoher muss man sich ja die dringend notwendigen Supermutterkräfte holen), stopfen die Kinder Müsli „ohne nix“ in sich hinein. Eh auch super. Wenn nur danach nicht am Boden der gesamte Monatsvorrat Mäusefutter liegen würde. Während bei Anderen das Essen mit einem Gebet beendet wird, ruft bei uns das Kleinkind feierlich „Mama, jetzt musst du staubsaugen.“ Danke, wäre mir gar nicht aufgefallen.

Nach dem Frühstück verbringe ich exakt 1 ½ Stunden damit die Kinder anzuziehen und ihnen die Zähne zu putzen. Herrlich. In dieser Zeit machen andere Mütter Morgenkreise, basteln den Osterschmuck für die gesamte Verwandtschaft und nähen bunte Mundschutzmasken. Die dieser Tage viel zitierte Langsamkeit – ich habe sie soeben auch in meinem Leben entdeckt. Entschleunigung vom Feinsten. Von meist kinderlosen Freundinnen höre ich, vor allem seit Beginn der Quarantäne, ich dürfe nicht immer alles so negativ sehen. Ich solle die kleinen Dinge im Alltag mehr schätzen. Ich arbeite daran.

Seit einigen Tagen ist das Kleinkind wieder in einer Entwicklungsphase. Entwicklungspsychologisch gesehen bedeutet das: bevor es einen Fortschritt macht, macht es zuerst einen Rückschritt. In unserem Fall heißt das: es spricht wieder in Babysprache, will ständig getragen werden und kann nicht mehr alleine essen. Außerdem kommt es mehrmals pro Tag zu mir und sagt „Ich hab ein bisschen Lulu in die Hose gemacht.“ Darüber freue ich mich besonders, denn seit wir alle zuhause sind, muss ich leider weniger Wäsche waschen. Der Mann braucht keine Hemden mehr, ich keine Arbeitskleidung und die Kinder verbringen den halben Tag im Pyjama. Der Berg an anluluten Unterhosen bringt also ein bisschen Normalität zurück, das Gefühl der Zeit vor der Krise. Ich weiß das wirklich zu schätzen.

Während die Kinder am Vormittag im Garten in der Sandkiste spielen, koche ich Mittagessen. Nach dem Schnitzel-Drama von gestern, bin ich egoistisch und mache Fenchel-Risotto. Mein Lieblingsgericht. Erst unlängst habe ich in einem der vielen schlauen Eltern-Ratgeber gelesen, dass Mütter mehr auf sich selbst schauen müssen. Ich lerne schnell. Nachdem das Essen fertig ist, verbringe ich wieder gefühlte 1 ½ Stunden damit die Kinder vom Garten in die Wohnung zu bekommen. Von der Zeit, die es braucht, um die Hände zu waschen, will ich gar nicht reden. Zwei Mal Happy Birthday ist nichts dagegen. Aber auch das weiß ich zu schätzen. Hygienisch vernünftige Kinder, ein Segen.

Zum Fenchel-Risotto gibt es natürlich auch das obligatorische Bäh. Weil ich aber (noch) kein Müsli als Ersatz anbiete, springt das Großkind wutentbrannt auf und setzt sich demonstrativ mit einem Buch auf die Couch. Es übt lesen und will dabei „sicher nicht“ gestört werden. Meine Bitten zum Tisch zurück zu kommen, werden theatralisch überhört. Erst, als das Thema Nachspeise aufkommt, findet das verirrte Kind den Weg zurück zum Esstisch. Es erbarmt sich meiner, kostet vom Risotto und bleibt dabei: Bäh ist bäh. Vom Frühstück ist noch Müsli mit Jogurt übrig, also bin ich milde und biete das als Alternative an. Natürlich will nun auch das Kleinkind Müsli zu Mittag. Nachdem sich die Kinder um die Körner streiten und sie in weniger als zwei Minuten aufgegessen haben, merke ich, wie eine Welle tiefster Befriedigung durch meinen Körper schwappt. „Und, hat es euch geschmeckt?“, frage ich mit etwas zu fröhlicher Stimme. „Jaaaaa!“ „Und, wisst ihr auch, was da drinnen war?“, frage ich nach. Große Kinderaugen blicken mich an. „Das Quinoa vom Frühstück und das Kokosjogurt.“ Jack Nicholson wäre so stolz auf mich.