AUSFLUG

Heute habe ich einen Ausflug gemacht. Alleine. Ich durfte mal wieder arbeiten gehen. Während andere Mütter mit ihren Kindern Ostereier suchen, suche ich in den Gängen des ORF-Zentrums mein Büro. Das Problem dabei: das halbe Haus, das ohnehin schon einem Labyrinth gleicht, wurde zur Sperrzone erklärt. Nachdem ich vor dem dritten Absperrband stehe, gebe ich auf und rufe im Sekretariat an. Per Telefon-Navi finde ich meinen Arbeitsplatz. Wo es normalerweise wie in einem Ameisenbau wuselt – im Großraumbüro wird telefoniert, geredet und ferngesehen, am Gang werden lautstark Schenkelklopfer-Witze verteilt und vor dem Fenster bohren und hämmern die Bauarbeiter – ist es still und leer, wie im Eisbärengehege in Schönbrunn. Man muss extrem lange warten, um mal einen Kollegen zu erblicken. An der Sportfront wird im Moment jedenfalls nicht gekämpft.

Ich kämpfe mich hingegen durch einen Haufen Emails mit Corona-Verhaltensregeln, schaue mir fertige Beiträge an und schreibe die dazugehörigen Moderationen. So produktiv war ich schon lange nicht mehr. Selbst, wenn ich mir früher im Büro demonstrativ Kopfhörer aufgesetzt habe, konnte ich immer noch die Formel 1-Autos brummen hören oder Rainer Pariaseks außergewöhnliches englisches „R“. Drei Fernseher, die gleichzeitig laufen, kann man nicht ausblenden. Nicht mal mit Meditationsmusik. Ich merke, wie niedrig und gleichmäßig mein Puls heute ist. Mein Nacken ist, trotz völlig unergonomischer Sitzposition (mein Kollege, mit dem ich mir den Arbeitsplatz teile, ist eineinhalb Köpfe größer als ich) nicht verspannt. Und plötzlich verstehe ich, warum meine Körpertemperatur innerhalb von drei Tagen massiv gesunken ist. Die neue Arbeitssituation macht mich tiefenentspannt, und so vollzieht sich der Klimawandel in mir auf vorbildliche Weise. Die Erreichung des 1,5 Grad-Ziels, für mich kein Problem! Jedem, der dieser Tage das ORF-Zentrum betritt, wird die Temperatur gemessen. Das Thermometer zielt auf meine Stirn und zeigt am Freitag 37,2, am Samstag 36,5 und am Sonntag 35,7 Grad. Marcus Wadsak würde sagen, die Wetteraussichten sind hervorragend. Doch ich fürchte, wenn es so weitergeht, bricht in mir noch die Eiszeit an. Gut also, dass ich in Kurzarbeit geschickt werde.

Mit Schaudern denke ich an meine Zukunft. Ich soll künftig nur mehr einen Tag pro Monat arbeiten. Meiner Familie erzähle ich davon sicherheitshalber noch nichts. Stattdessen denke ich über kreative Fluchtmöglichkeiten in die Arbeit nach. Ich könnte mich für die neue Sendung „Wir bewegen Österreich“ anbieten und vorschlagen den Küniglberg zu umrunden. Hält sicher fit. Doch dann fällt mir ein, dass erst unlängst ein Motorradfahrer gestraft wurde, weil er, statt von A nach B, im Kreis gefahren ist. Diese Option fällt also weg. Wahrscheinlich hätte ich aber so und so eine Anzeige bekommen. Denn nachdem es am Küniglberg besonders viele Villen gibt, hätte man mich sicher bald für eine Spionin gehalten. “Mata Mari” quasi. Den perfekten Namen dafür hätte ich zumindest schon.

Meine neue Garderobe lenkt mich ein bisschen von meinen schwarzen Zukunftsgedanken ab. Sie ist auch schwarz, aber mit viel Glitzer. Meine Moderationskleidung hängt neuerdings im ehemaligen Dancing Stars-Studio. Nachdem das Büro ja vom Großraum zu einem Kleinraum geschrumpft ist, hat man es bei den Garderoben genau umgekehrt gemacht. Irgendwo muss man das Gefühl von Größe ja ausleben. Mit rund dreißig anderen Moderatoren teile ich mir also meine glamouröse Garderobe, die so groß wie ein halbes Fußballfeld ist. Wenn ich Glück habe, zieht sich zeitgleich mit mir ORF-Schönheit Christoph Feuerstein um, und ich kann ihn durch die Kleiderständer hindurch beobachten. Eine fantastische Idee: Wenn andere in den Raucherhof gehen, gehe ich ab jetzt spannen.

Ich rutsche auf dem Dancing Stars-Parkett hin und her und versuche mich wie ein Star zu fühlen, als ich plötzlich ein Orchester höre. Oder war es doch nur mein Magen? Von den unzähligen Neuerungen an meinem Arbeitsplatz abgelenkt, habe ich völlig aufs Essen vergessen. Und auch das ist neu, denn normalerweise esse ich immer. Schon in der Schule habe ich meinen Mitschülerinnen die Jause weggefuttert . Die Mädchen, die permanent auf Diät waren, waren heilfroh ihre Schinken-Käse-Brote mit Mayonnaise, Ei oder sonstigen Weight-Watchers-Albträumen in meinem Magen zu entsorgen. Selbst bei meiner Reportage-Sendung „Mein Leben“ habe ich es ungeplant geschafft in jeder Folge der ersten Staffel zu essen. Mein neuer Sendungsverantwortlicher hat mir das dann leider verboten. Denn „nur Bösewichte essen im Fernsehen.“ Er hat mich tatsächlich mit Al Pacino in „Der Pate“ verglichen. Geil. Jedenfalls stehe ich in der neuen Moderatoren-Garderobe und kann mein Glück nicht fassen. An der Decke hängen Kristallluster, rund um mich ein Meer aus Seidenblusen und Designerhosen und auf dem Stoff an den Wänden sind Glitzerperlen. Ich meine Glitzerperlen! Ein bisschen fühle ich mich wie im Zimmer meiner Kinder. Nur, dass hier definitiv nicht so viel Zeug am Boden liegt.

Meine Nackenhaare stellen sich unerwartet auf. Ich habe schreckliche Bilder im Kopf. Doch in Zeiten der Krise soll man ja versuchen positiv zu bleiben. Also probier ich es mit Affirmationen. Mit Sätzen, die meine Gedanken umprogrammieren sollen. Ich habe gelesen, es gibt Menschen, die können ihren Verstand auf Geld optimieren und dadurch reich werden. Warum soll diese Art von Zauberei nicht auch meinem zukünftigen Hausfrauendasein dienlich sein? Statt „Ich liebe Geld. Geld fließt in mein Leben“ und „Geld ist gut für mich“, sage ich mir ab jetzt „Ich liebe putzen. Putzen fließt in mein Leben“ und “Zusammenräumen ist gut für mich“. Und schon spüre ich, die Kurzarbeit ist gar nicht so schlecht. Endlich habe ich genügend Zeit im Kinderzimmer so richtig Ordnung zu machen. Ich bin begeistert. Ob das meine Kinder auch so toll finden?

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