ALKOHOL

Ich fürchte, ich habe die letzten Tage zu viel Alkohol getrunken. Mein Schädel brummt, und wenn ich zu schnell aufstehe, wird mir schwindlig. Dabei habe ich nur den Rat meiner besten Freundin befolgt. „Du willst die himmlische Familie? Dann solltest du mehr trinken“. Ich gebe zu, es hat mich ein bisschen Überwindung gekostet, aber ich habe es tatsächlich ausprobiert. Die Folgen sind, bis auf meine Körpersymptome, verblüffend. Die Kinder sitzen auf der Couch, Schulter an Schulter, und schlecken friedlich ein Eis. Klar, man könnte die Harmonie jetzt aufs Eis schieben, aber es war auch heute Früh schon so. Groß- und Kleinkind haben einfach so mal zwei Stunden miteinander gespielt. Ohne schreien, ohne beißen und ohne „dann bin ich nicht mehr deine Schwester“-Drohungen. Wie kann das sein? Ich habe heute doch noch gar nichts getrunken. Aber scheinbar ist das mit dem Alkohol, wie mit den meisten Ungeziefersprays – es gibt eine Langzeitwirkung. Und, es ist ebenso benutzerfreundlich: einfach einnehmen, warten und die Schädlinge sind beseitigt.

Weil ich es aber nicht gleich übertreiben will, beherzige ich den Rat meiner Freundin erst am Nachmittag. Ich trinke meinen Jausen-Kaffee – ich weiß, das ist sowas von biedermeier! – jetzt mit Schuss. Wenn sich die Kinder dann streiten, lehne ich mich entspannt zurück und schaue einfach nur zu. Ich stelle mir vor, es sind fremde Kinder, die sich da anbrüllen und mit Sand bewerfen. Und meist habe ich dann auch gleich Mitgefühl für die fremde Mutter, die am Abend, ähnlich wie bei einem Läusebefall, in mühevoller Kleinstarbeit die Haare sauber kriegen muss. Diese Distanz ist herrlich und wirkt sich interessanterweise auch auf die Kinder aus. Je weniger ich ihrem Streiten Beachtung schenke, desto schneller ist es vorbei. Macht wahrscheinlich nicht so viel Spaß, wenn keiner bei ihrem Improtheater mitmacht. Apropos Theater. Ich war bisher ja eher so die „in Gesellschaft Trinkerin“, bin in der Not aber durchaus bereit Neuland zu betreten. Und so habe ich mich beim letzten Einkauf mal genauer im Spirituosenregal umgesehen und eine grandiose Entdeckung gemacht. Es gibt tatsächlich Rumkugeln in ausschließlich flüssiger Form. Der Himmel auf Erden quasi. Warum hat mir das bisher keiner gesagt? Ich hätte mir eine Menge grauer Haare und Therapiestunden erspart.

Gut, jetzt weiß ich es ja und bin sehr glücklich. Denn der Rumkugel-Likör wirkt gleich in zweifacher Hinsicht. Erstens macht er das Familienleben friedlicher, und zweitens muss ich mich nicht mehr wie eine Schwerverbrecherin fühlen, wenn ich Lust auf Schokolade habe . Es ist ganz schön erniedrigend sie heimlich zu essen. Außerdem werde ich ständig dabei ertappt. Selbst, wenn ich mich schmatzend im Klo verstecke, höre ich danach vorwurfsvoll: „Mama, was hast du gegessen?“ Meine Kinder sind wie Drogenspürhunde. Sie riechen Zucker, auch wenn er schon halb verdaut ist. Und, weil ich so schlecht lügen kann, muss ich mich dann meist stundenlang rechtfertigen. Mit dem Rumkugel-Likör ist das jetzt endlich vorbei, denn Kaffeegeruch mochten die Kleinen noch nie.

Heute Früh musste ich jedoch schmerzlich feststellen, dass Alkohol, auch in der süßesten, dunkelbraun schimmernden Form, keine Lösung ist. Wie mir mein pochender Kopf rückmeldet, habe ich es gestern wohl etwas übertrieben. Jetzt brauche ich für mein Projekt „himmlische Familie“ eine Alternativ-Strategie. Während ich mir einen weiteren Kamillentee für meinen flauen Magen mache, springt mir die Lösung förmlich ins Gesicht. Kann es sein, dass ich den Rat meiner besten Freundin falsch verstanden habe? Dass sie mit dem Trinken etwas Anderes gemeint hat? Also, etwas anderes als Alkohol? Ich starre auf die Tee-Packungen vor mir und lese „Abend Tee“. Ja, natürlich! Wenn ich den „Abend Tee“ schon am Morgen literweise trinke, und die Kinder ebenso, müsste es doch schneller Abend werden. Sonst würde das doch nicht so groß auf der Packung stehen, gleich unter dem Bild einer Wunderlampe. Ich spüre, ich bin auf der richtigen Fährte. Denn, wenn die Kinder im Bett liegen und schlafen, stellt sich das „himmlische Familie“-Gefühl immer ganz von selbst ein. Aladin sei dank! Das Projekt geht also in die nächste Runde. Gleich morgen werde ich das Teetrinken ausprobieren. Was kann dabei schon schief gehen, außer, dass ich den halben Tag am Klo verbringe?

2 Antworten auf „ALKOHOL“

  1. Hallo, ich bin selbst Mutter zweier Kinder und finde deine Texte echt erheiternd und total treffend! Danke!!! Es wäre auch so toll wenn es die Sendung „mein Leben“ wieder geben könnte. Ich habe nie verstanden warum diese abgesetzt wurde. LG Karoline

    1. Liebe Karoline,
      ich freu mich, dass dir meine Geschichten gefallen, und hoffe, ich kann dich noch öfter damit zum Schmunzeln bringen.
      Danke für die Worte zu meiner Reportagesendung „Mein Leben“. Ich finde es auch sehr schade, dass sie abgesetzt wurde und es keine Fortsetzung gibt. LG Mari

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