ALBTRAUM AUTOFAHRT

Der Klimawandel kann einem ganz schön viel vermiesen. Die wahren Spaßverderber sind aber die Kinder. Zumindest was das Autofahren betrifft. Früher bin ich oft stundenlang durch die Gegend gefahren. Einfach so. In der niederösterreichischen Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, war Autofahren der Inbegriff von Freiheit. Über die Landstraße cruisen, den Wind in den Haaren spüren und die aktuelle „Bravo Hits“ hören. Diese Momente hatten was Heiliges. Die Welt lag mir zu Füßen oder zumindest ein paar totgefahrene Hasen. Hin und wieder drehte ich mit dem Auto auch ein paar Runden am Hauptplatz und bewunderte die dort rumstehenden Jugendlichen. Die rauchenden Burschen und Mädels, die sich gegenseitig die Alufelgen ihrer tiefer gelegten VW Golfs zeigten, fand ich unglaublich cool. Wie gern hätte ich dazu gehört! Doch dafür hätte ich mir Goldketten um den Hals hängen und die unausgesprochene Aufnahmsprüfung der Gang bestehen müssen. Und die lautete: Dreh die Musik im Auto so laut auf, dass man den Bass selbst bei geschlossenem Fenster noch wummern hören kann. Weil ich aber so extrem lärmempfindlich bin, hab ich das nie geschafft. Und so blieb es beim Karussellfahren am Hauptplatz.

Seit ich Kinder habe, ist das mit der Lärmempfindlichkeit übrigens noch schlimmer geworden. Autofahren ist für mich kein schöner Traum mehr, sondern ein einziger Albtraum. Ich weiß nicht, wie sich das physikalisch erklären lässt, aber die Stimmen der Kinder sind in der Enge des Autos ungefähr zehnmal so laut wie anderswo. Vielleicht liegt es daran, dass die Kinder ständig versuchen lauter als der Motor, die Lüftung oder der Fahrtwind zu sein. Jedenfalls unterhalten sie sich im Auto fast ausschließlich schreiend. Und wenn ihnen langweilig wird, spielen sie Baby. Das heißt, ein Kind brüllt oder spricht in Babysprache. Und das ist mindestens genauso schlimm, wenn nicht noch schlimmer, als das Geschrei. Als wäre das nicht genug, ist man den Kindern beim Autofahren schutzlos ausgeliefert. Man kann nicht einfach weggehen oder die Kleinen aufs Zimmer schicken. Und zu allem Überdruss darf man nicht mal Alkohol trinken. Mit einem Wort – ich leide. Apropos Wort. Aus reiner Neugier habe ich mal mitgezählt. Bei einer einstündigen Autofahrt ist das Wort „Mama“ 125 Mal gefallen, das Wort „Papa“ genau 17 Mal. Falls noch jemand einen Beweis für das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern sucht, ich glaube, ich hab einen gefunden. Man muss sich ja nur mal kurz vorstellen, welche Auswirkungen das auf die Psyche hat: Zwei Mal pro Minute direkt angesprochen zu werden. Und dann nicht etwa mit Liebesbekundungen oder Komplimenten, sondern mit Aufforderungen in Befehlston und Fragen wie „wann sind wir endlich da?“, „wielange müssen wir noch fahren?“ oder „wielange dauert es noch?“.

Jedenfalls war gestern wieder so eine Autofahrt. Nach einem Spielenachmittag bei einer Kindergartenfreundin fahren das Kleinkind und ich nachhause. Fahrzeit cirka zehn Minuten. Sicherheitshalber gebe ich dem Kind ein paar Kekse aus meinem „Essen auf Räder“-Equipment. Kaugummi, Brezel, Nüsse – alles dabei. Zur Not könnte man aus den Bröseln, die am Boden oder in den Ritzen zwischen den Sitzen liegen, auch noch eine kleine Semmel formen. Und auch an Spielzeug mangelt es in meinem Auto nicht. Denn man weiß ja nie, was gerade gebraucht wird, um einen sich anbahnenden Wutanfall erfolgreich abzuwenden. Und um nichts anderes geht es im Leben einer Mutter. Während das Kleinkind also friedlich Kekse knabbert, genieße ich die seltene Stille und die Tatsache, dass ich mich mal nur aufs Schalten, Bremsen und den 3S-Blick konzentrieren kann. „In den kleinen Dingen liegt das Glück“, stand vor ein paar Tagen in einem Glückskeks. Die Wahrheit dieses Satzes spüre ich in diesem Augenblick deutlich. Und, es ist tatsächlich nur ein Augenblick. Denn sogleich höre ich die Stimme des Kleinkindes von der Rückbank: „Mama, trinken“. Verdammt, die Getränkeabteilung im Auto hat heute geschlossen. Ich habe tatsächlich nichts zu trinken mit. „Wir sind gleich zuhause, Schatz“, sage ich ruhig. „Ich will aber jetzt was trinken“, sagt das Kleinkind. Weil ich gut gelaunt bin, packe ich die ganze Palette an Erziehungskünsten aus. Von „ich verstehe, dass du jetzt gerne etwas zu trinken hättest“ über ein spielerisches „ich versuche etwas herzuzaubern“ bis zu einem strengen „ich will nicht, dass du mich so anschreist. Ich habe nichts zu trinken da“ ist alles dabei. Doch nichts hilft. Das Kleinkind bleibt bei „Mama, trinken, jetzt“. Der Tonfall ist mittlerweile schrill, die Lautstärke ohrenbetäubend. Ich habe Gänsehaut und meine Nackenhaare haben sich soeben mit meinem Haaransatz verbunden. Ich weiß jetzt, warum Ohrstöpsel erfunden wurden. Und ich weiß auch, dass man seine Stimmung nicht von anderen abhängig machen soll (ich habe ein ganzes Bücherregal voller Ratgeber, die von nichts anderem handeln), aber heute tue ich mir echt schwer damit. Meine Laune ist mittlerweile am Gefrierpunkt angelangt, meine Mundwinkel am Kinn festgefroren. Aus einem Reflex heraus drehe ich das Radio auf. Selbst der nervige „Monkey“-Song ist heute erträglicher als das Kleinkind, das eine Tourette-Performance in der Lautstärke eines Heavy Metal-Konzertes zum Besten gibt. „Mamaaaaaaa. Trinken“.

Zehn Minuten können verdammt lang sein. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Also greife ich zu härteren Mitteln und gehe über meine persönliche Schmerzgrenze. Ich drehe den Lautstärkenregler des Radios bis zum Anschlag und schaffe somit das nie Geschaffte. Am Gehsteig neben meinem Auto steht ein alter Mann und wippt mit dem Kopf. Es passt genau zum Takt von „you make me, make me, make me wanna cry“. Plötzlich muss ich an die Zeit denken, als Autofahren noch etwas von Freiheit hatte. Und als ich gedacht habe, cool wären nur die, die im Auto richtig laut Musik hören können. Nun, diesen Meilenstein hätte ich mit dem heutigem Tag zumindest erreicht. Eigentlich sollte ich dem Kleinkind dafür danken. Blöd nur, dass das heute nicht mehr geht. Denn das Kind hat sich mit seinem „Aggro-Mantra“ selbst in den Schlaf geschrien. Na dann, Gute Nacht!

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