FAMILIENJEANS

Ich besitze jetzt also auch eine Jeans, an der man erkennt, dass ich Kinder habe. Eine Mum-Jeans. Bis vor kurzem wusste ich nicht mal, dass es die gibt. Meine Recherchen sagen jedoch, ich bin modisch mal wieder gehörig hinten nach. Denn Mum Jeans gibt es seit den 80ern, als mein Fashion Must-have noch die Windelhose war. Gut, das entschuldigt zumindest meine Ahnungslosigkeit in Sachen Style. Doch jetzt, wo mein Körper auch in Jeans steckt, die zwar einen riesigen Hintern, dafür einen flachen Bauch machen (hey, man kann nicht alles haben!), erinnere ich mich, dass meine Mutter früher Ähnliches anhatte. Nur hieß das damals Karottenhose. Weil sich Hosen, bei denen man an Hasen denkt, wahrscheinlich nicht so gut verkaufen lassen, hat man offiziell wohl die Mütter ins Spiel gebracht. Gibt ja auch mehr Leute, die MILF-Pornos schauen, als solche mit Tieren. Hoffe ich zumindest. Wobei beides irgendwie seltsam ist.  

Jedenfalls begebe ich mich zum ersten Mal seit Ende des Lockdowns in ein Bekleidungsgeschäft. Ich brauche eine Hose für die neue Normalität. Mein Körper hat sich nämlich zu sehr an Leggings, Jogginghosen und schlabbrige Souvenirs aus diversen Asien-Urlauben gewöhnt und ist nun gegen sämtliche meiner Jeans allergisch. Bei jeder einzelnen, die ich anprobiere, bekomme ich Atemnot. Keine Ahnung, was es genau ist, aber ich denke, eine sehr seltene Art von Unverträglichkeit. Ein völlig überteuerter Nahrungsmittel-Test hat vor Jahren mal ergeben, dass ich Kaffee, Vanille und Pfeffer meiden soll. Von zu engen Jeans war interessanterweise nicht die Rede. Aber es kommt ja durchaus vor, dass sich Unverträglichkeiten erst nach und nach entwickeln. Meistens, wenn man von etwas zu viel konsumiert. In meinem Fall ist es halt umgekehrt.

In viel zu hellen Umkleidekabinen probiere ich also unzählige Hosen. Und, dabei ist es wie immer: zu kurz, zu eng, zu weit, zu hüftig – mit einem Wort mühsam. Einen kinderfreien Nachmittag könnte ich mir angenehmer vorstellen. Zum Beispiel in der Geisterbahn. Da hätte ich in kürzerer Zeit ähnliche Gefühle, dürfte aber zumindest laut schreien, ohne dass jemand sofort den psychosozialen Dienst verständigt. Irgendwann landet dann jedenfalls eine Mum-Jeans auf meinen Hüften, und, oh Wunder, passt sie auch. Weil ich auf keinen Fall noch länger unfreiwillig Gespräche von Teenies über ihre viel zu dicken Spaghettibeine hören möchte, beschließe ich die Jeans, „die meinen Namen trägt“ (dass DJ Ötzi jetzt in meinen Gedanken auftaucht, macht mir Angst. Vielleicht sollte ich doch… psychosozialer Dienst und so) zu kaufen. Immerhin ist sie bequem. Und immerhin ist sie gerade total in, wie mir diverse Frauenzeitschriften und die jungen Frauen auf der Straße bestätigen. Was ich aber noch nicht verstanden habe: warum will man als kinderlose Twentyirgendwas aussehen wie die eigene Mutter? Und warum müssen Kleidungsstücke überhaupt personalisiert werden? Tatsächlich gibt es ja auch eine Dad-Jeans, eine Boyfriend-Jeans und eine Jeans, die nach dem Onkel benannt ist. Ach so, nein, das war die Ankle-Jeans. Onkel, Ankle, Enkel – egal, für meine Verwandten am Land hört es sich so oder so wie ein Familienmitglied an. Alles soll derzeit irgendwie familiär klingen. Selbst das Eis ist mittlerweile nicht mehr einfach nur ein Eis. Sorten, wie das Twinnie oder das Twister, haben jetzt auch eine Schwester. Oida. Wer will seine eigene Schwester lutschen? Aber, das ist ein anderes Thema.

Apropos Eis. Mit der Mum-Jeans führe ich mich selbst ein bisschen aufs Glatteis. Denn neben einer plötzlich aufgetretenen Jeans-Unverträglichkeit habe ich schon seit längerem die Vermutung, dass ich auch aufs Muttersein irgendwie allergisch sein könnte. Denn wenn mich das Kleinkind schon am Morgen angrantelt, weil ich den Kakao in der falschen Flasche serviere, bekomme ich immer öfter heftigen Juckreiz. Und auch, als ich heute, bepackt mit neuen Kleidungsstücken nachhause komme und die Kinder schon im Stiegenhaus streiten höre, beginnt es in meinem Magen zu rumoren. Eindeutiges Zeichen einer Unverträglichkeit! „Hallo. Schön euch wieder zu sehen“, sage ich. „Was hat du uns mitgebracht?“, fragen Groß- und Kleinkind aus einem Mund. Es ist immer das Gleiche, egal ob ich vom Zahnarzt oder aus der Arbeit komme, die Kinder wollen Geschenke. Meine simple Anwesenheit reicht einfach nicht. Etwas beleidigt,will ich ihnen schon ein „Nichts“ vor die Füße knallen. Stattdessen schiebe ich mein Einkaufssackerl rüber und sage „eine Mama-Hose. Die ist jetzt immer für euch da, wenn ihr was braucht.“ Ja, vielleicht sind Modedesigner letzten Endes doch nur nette Menschen, die die Mum- und Dad-Jeans für den elterlichen Selbstschutz erfunden haben. Die Hoffnung stirbt jedenfalls zuletzt.

ALBTRAUM AUTOFAHRT

Der Klimawandel kann einem ganz schön viel vermiesen. Die wahren Spaßverderber sind aber die Kinder. Zumindest was das Autofahren betrifft. Früher bin ich oft stundenlang durch die Gegend gefahren. Einfach so. In der niederösterreichischen Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, war Autofahren der Inbegriff von Freiheit. Über die Landstraße cruisen, den Wind in den Haaren spüren und die aktuelle „Bravo Hits“ hören. Diese Momente hatten was Heiliges. Die Welt lag mir zu Füßen oder zumindest ein paar totgefahrene Hasen. Hin und wieder drehte ich mit dem Auto auch ein paar Runden am Hauptplatz und bewunderte die dort rumstehenden Jugendlichen. Die rauchenden Burschen und Mädels, die sich gegenseitig die Alufelgen ihrer tiefer gelegten VW Golfs zeigten, fand ich unglaublich cool. Wie gern hätte ich dazu gehört! Doch dafür hätte ich mir Goldketten um den Hals hängen und die unausgesprochene Aufnahmsprüfung der Gang bestehen müssen. Und die lautete: Dreh die Musik im Auto so laut auf, dass man den Bass selbst bei geschlossenem Fenster noch wummern hören kann. Weil ich aber so extrem lärmempfindlich bin, hab ich das nie geschafft. Und so blieb es beim Karussellfahren am Hauptplatz.

Seit ich Kinder habe, ist das mit der Lärmempfindlichkeit übrigens noch schlimmer geworden. Autofahren ist für mich kein schöner Traum mehr, sondern ein einziger Albtraum. Ich weiß nicht, wie sich das physikalisch erklären lässt, aber die Stimmen der Kinder sind in der Enge des Autos ungefähr zehnmal so laut wie anderswo. Vielleicht liegt es daran, dass die Kinder ständig versuchen lauter als der Motor, die Lüftung oder der Fahrtwind zu sein. Jedenfalls unterhalten sie sich im Auto fast ausschließlich schreiend. Und wenn ihnen langweilig wird, spielen sie Baby. Das heißt, ein Kind brüllt oder spricht in Babysprache. Und das ist mindestens genauso schlimm, wenn nicht noch schlimmer, als das Geschrei. Als wäre das nicht genug, ist man den Kindern beim Autofahren schutzlos ausgeliefert. Man kann nicht einfach weggehen oder die Kleinen aufs Zimmer schicken. Und zu allem Überdruss darf man nicht mal Alkohol trinken. Mit einem Wort – ich leide. Apropos Wort. Aus reiner Neugier habe ich mal mitgezählt. Bei einer einstündigen Autofahrt ist das Wort „Mama“ 125 Mal gefallen, das Wort „Papa“ genau 17 Mal. Falls noch jemand einen Beweis für das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern sucht, ich glaube, ich hab einen gefunden. Man muss sich ja nur mal kurz vorstellen, welche Auswirkungen das auf die Psyche hat: Zwei Mal pro Minute direkt angesprochen zu werden. Und dann nicht etwa mit Liebesbekundungen oder Komplimenten, sondern mit Aufforderungen in Befehlston und Fragen wie „wann sind wir endlich da?“, „wielange müssen wir noch fahren?“ oder „wielange dauert es noch?“.

Jedenfalls war gestern wieder so eine Autofahrt. Nach einem Spielenachmittag bei einer Kindergartenfreundin fahren das Kleinkind und ich nachhause. Fahrzeit cirka zehn Minuten. Sicherheitshalber gebe ich dem Kind ein paar Kekse aus meinem „Essen auf Räder“-Equipment. Kaugummi, Brezel, Nüsse – alles dabei. Zur Not könnte man aus den Bröseln, die am Boden oder in den Ritzen zwischen den Sitzen liegen, auch noch eine kleine Semmel formen. Und auch an Spielzeug mangelt es in meinem Auto nicht. Denn man weiß ja nie, was gerade gebraucht wird, um einen sich anbahnenden Wutanfall erfolgreich abzuwenden. Und um nichts anderes geht es im Leben einer Mutter. Während das Kleinkind also friedlich Kekse knabbert, genieße ich die seltene Stille und die Tatsache, dass ich mich mal nur aufs Schalten, Bremsen und den 3S-Blick konzentrieren kann. „In den kleinen Dingen liegt das Glück“, stand vor ein paar Tagen in einem Glückskeks. Die Wahrheit dieses Satzes spüre ich in diesem Augenblick deutlich. Und, es ist tatsächlich nur ein Augenblick. Denn sogleich höre ich die Stimme des Kleinkindes von der Rückbank: „Mama, trinken“. Verdammt, die Getränkeabteilung im Auto hat heute geschlossen. Ich habe tatsächlich nichts zu trinken mit. „Wir sind gleich zuhause, Schatz“, sage ich ruhig. „Ich will aber jetzt was trinken“, sagt das Kleinkind. Weil ich gut gelaunt bin, packe ich die ganze Palette an Erziehungskünsten aus. Von „ich verstehe, dass du jetzt gerne etwas zu trinken hättest“ über ein spielerisches „ich versuche etwas herzuzaubern“ bis zu einem strengen „ich will nicht, dass du mich so anschreist. Ich habe nichts zu trinken da“ ist alles dabei. Doch nichts hilft. Das Kleinkind bleibt bei „Mama, trinken, jetzt“. Der Tonfall ist mittlerweile schrill, die Lautstärke ohrenbetäubend. Ich habe Gänsehaut und meine Nackenhaare haben sich soeben mit meinem Haaransatz verbunden. Ich weiß jetzt, warum Ohrstöpsel erfunden wurden. Und ich weiß auch, dass man seine Stimmung nicht von anderen abhängig machen soll (ich habe ein ganzes Bücherregal voller Ratgeber, die von nichts anderem handeln), aber heute tue ich mir echt schwer damit. Meine Laune ist mittlerweile am Gefrierpunkt angelangt, meine Mundwinkel am Kinn festgefroren. Aus einem Reflex heraus drehe ich das Radio auf. Selbst der nervige „Monkey“-Song ist heute erträglicher als das Kleinkind, das eine Tourette-Performance in der Lautstärke eines Heavy Metal-Konzertes zum Besten gibt. „Mamaaaaaaa. Trinken“.

Zehn Minuten können verdammt lang sein. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Also greife ich zu härteren Mitteln und gehe über meine persönliche Schmerzgrenze. Ich drehe den Lautstärkenregler des Radios bis zum Anschlag und schaffe somit das nie Geschaffte. Am Gehsteig neben meinem Auto steht ein alter Mann und wippt mit dem Kopf. Es passt genau zum Takt von „you make me, make me, make me wanna cry“. Plötzlich muss ich an die Zeit denken, als Autofahren noch etwas von Freiheit hatte. Und als ich gedacht habe, cool wären nur die, die im Auto richtig laut Musik hören können. Nun, diesen Meilenstein hätte ich mit dem heutigem Tag zumindest erreicht. Eigentlich sollte ich dem Kleinkind dafür danken. Blöd nur, dass das heute nicht mehr geht. Denn das Kind hat sich mit seinem „Aggro-Mantra“ selbst in den Schlaf geschrien. Na dann, Gute Nacht!

MUTTERSCHAFTSTEST

Manchmal bin ich mir sicher die Kinder sind nicht von mir. Vor allem das Großkind. Es fängt schon damit an, dass es blaue Augen hat und blonde Haare. Ich meine, hallo? Blonde Haare? Es hat doch mal geheißen das Dunkle setzt sich immer durch. Das Dunkle ist dominanter. Man muss sich ja nur die Beziehung zwischen mir und dem Mann anschauen. Mehr Beweis für diese Theorie braucht es eigentlich nicht. Aber abgesehen von der Haar- und Augenfarbe sieht mir das Großkind auch sonst nicht sehr ähnlich. Schon als Baby gab es verwunderte Blicke in den Kinderwagen und ein „Jö, ganz der Papa“. Das ist übrigens das Letzte, das eine Frau hören will, nachdem sie eine Melone aus sich herausgepresst hat. Aber ja, die Natur ist oft ungerecht. Vielleicht fressen Rotrückenspinnen deshalb nach der Paarung das Männchen auf, um späteren Irritationen vorzubeugen.

Neben der Optik gibt es aber noch weitere Gründe, warum ich mir manchmal nicht sicher bin, ob das Großkind tatsächlich meine Gene hat. Letztens hat es am Abend alleine das Kinderzimmer zusammengeräumt. Freiwillig. Ohne jegliche Form der Bestechung und ohne Aussicht auf Belohnung. Nicht nur, dass es alle Spielsachen ordentlich in die dafür vorgesehenen Laden geräumt hat. Es hat auch noch für sich und das Kleinkind die Pyjamas vorbereitet und mit dem jeweiligen Stofftier drapiert. Wenn ich daran denke, kommen mir die Tränen. Nicht vor Rührung, sondern vor Verzweiflung. Mit seiner Ordentlichkeit setzt mich das Großkind gehörig unter Druck. Es heißt doch immer, man müsse Vorbild sein und so. Aber was bitte kann ich denn da noch an positivem Beispiel vorgeben? Jedes Mal, wenn ich am Schreibtisch sitze und das Großkind ins Zimmer kommt, zucke ich zusammen. Links von mir türmen sich Rechnungen, Zeitungsartikel und Bücher. Rechts von mir ein Durcheinander aus Taschentüchern, Notizblöcken und Visitenkarten. In der Mitte ist genau so viel Platz, wie ich für meinen Laptop und meine Arme brauche. Ich bin zufrieden, fürchte aber das Großkind wird mich bald zu mehr Ordnung gemahnen. So wie es mich immer schimpft, wenn ich die Tür offen lasse, nachdem ich am Klo war.

Der Mann hat es da viel leichter. Über einen Vaterschaftstest braucht er jedenfalls nicht nachzudenken. Neulich sitzen wir beim Mittagessen und reden über meine Kurzarbeit und, dass ich etwas wegen der Prozente nicht verstehe, so wie ich das meiste, das mit Zahlen zu tun hat nicht verstehe, als er sagt „Mathematik hat eine besondere Ästhetik“. Ich hätte mich fast an meinen Nudeln verschluckt. Wie bitte? Allein schon bei der Vorstellung, dass man das Wort Ästhetik und Rechnen in einem Satz verwendet, wird mir schlecht. Aber gut, dass der Mann es eher mit den Naturwissenschaften hat und ich mit den Geisteswissenschaften, weiß ich schon lange. Und meistens ergänzt es sich ganz gut. Wenn wir zum Beispiel auf Urlaub sind und ich uns aufgrund meiner Sprachkenntnisse ein schöneres Zimmer beschaffen kann oder wenn er aufgrund seines analytischen Denkens drauf kommt, dass wir zu viel für den Strom bezahlen. Manchmal wünschte ich aber, er wäre ein bisschen sprachbegabter. Wenn wir vor dem Fernseher sitzen und ich einen Film in Originalsprache schauen will und er alle zwei Minuten auf die Stopptaste drückt, weil er wieder nicht verstanden hat, was Brad Pitt und George Clooney da reden. Was genau muss man da verstehen? In dem Fall genügt doch auch das Bild.

Jedenfalls hat das Großkind die Liebe für Zahlen vom Mann geerbt. Erst gestern hat es sich gleich nach dem Aufstehen ein Buch geholt und freiwillig Matheaufgaben gelöst. 3+7, und wieviele Krähen sitzen noch auf dem Baum, wenn eine davonfliegt? Das Kind, noch nicht mal schulpflichtig, schüttelt die richtigen Antworten nur so aus dem Ärmel. Ich dagegen wache nachts immer noch schweißgebadet auf, weil ich von der Mathe-Matura geträumt habe. Während ich noch so nachgrüble, ob das Großkind nicht vielleicht doch bei der Geburt vertauscht wurde, passiert etwas Wunderbares. Ich realisiere, egal ob Gene oder sonstwas, das Kind hat doch etwas von mir. Der Mann steht im Badezimmer und putzt dem Kleinkind die Zähne. „Bitte“, sagt er mit genervter Stimme. „Ich möchte dir länger wie eine Sekunde die Zähne putzen“. Normalerweise würde ich jetzt ins Badezimmer eilen und dem Mann einen Vortrag über die deutsche Grammatik halten, so wie mindestens fünfzig Mal am Tag. Da höre ich das Großkind, etwas undeutlich, weil eine Zahnbürste im Mund, sagen: „Papa, es heißt länger als“. Mein Herz hüpft und schnell lösche ich wieder die Nummer, die ich gerade anrufen wollte, um einen Mutterschaftstest zu vereinbaren.

MUTTERTAG

„Drama am Muttertag. Mutter lässt Kinder verhungern“. Vor meinem inneren Auge seh ich schon, wie mich diese Schlagzeile in die Zeitung bringt. Aber, wie heißt’s so schön, schlechte Publicity ist besser als keine. Von dem bevorstehenden Drama ist im Moment noch nichts zu erahnen. Die Sonne scheint in unsere Vorstadtidylle. Der Mann steht mit Bier und Grillzange im Garten. Die Kinder backen Kuchen in der Sandkiste, und ich schnippel Gemüse in der Küche. Es hat durchaus was Meditatives. Blöd nur, dass ich im Meditieren schon immer eher schlecht war. Auch jetzt taucht nicht das viel zitierte Nichts in meinen Gedanken auf, sondern der Begriff „Muttertag“. Wie eine schwarze Wolke klammert er sich an meinen Frontallappen und geht dort nicht mehr weg. Wahrscheinlich weil ich mit dem Muttertag schon immer ein Problem hatte. Mit den schiefen Tonfiguren, die ich basteln und den schlechten Gedichten, die ich aufsagen musste. Und der aufgesetzten Freude und der peinlichen Berührtheit, die es dann zum Dank gab. Seit ich Kinder habe, versetzt mich der Muttertag regelrecht in Panik. Denn im Grunde ist der Mama-Feiertag ein Kinder-Feiertag. Nur, dass alle so tun, als ginge es um die Mutter. In Wirklichkeit aber wollen sich die Kinder Anerkennung für ihre Zeichnungen und Basteleien holen, die ihnen irgendwer aufgezwungen hat. Eh verständlich. Und der Mann macht beim Lob abholen im schlimmsten Fall auch noch mit. Schließlich hat er ja einen Kuchen nach dem Rezept gebacken, dass ihm die Frau am Vorabend in der Küche hingelegt hat. Einen Becherkuchen, das Malen nach Zahlen der Hobbybäcker. Zum Glück ist es bei mir aber eh nicht ganz so schlimm. Im letzten Jahr war den Kindern meine Anerkennung völlig wurscht. Sie waren von ihrem Geschenk so überzeugt – selbstgebackene Kekse aus dem Kindergarten – dass sie es gleich nach dem Auspacken aufgegessen haben. Meine Reaktion dazu war ihnen völlig egal. Immerhin durfte ich noch ein paar Krümel von der Couch schlecken.

„Mamaaa!“ Das Großkind steht plötzlich neben mir und reißt mich aus meiner Muttertagsmeditation. „Ich hab Hunger“, sagt es vorwurfsvoll und nimmt sich als Beweis ein Stück Gurke. „Ich mach noch den Salat fertig und komm dann“, antworte ich in Gedanken versunken. „Ich hab aber jetzt Hunger“. Unruhig schiebt das Kind dabei seine Unterlippe hin und her. Ich merke, die Stimmung nähert sich dem Hangry-Level und schnelles Handeln wäre angebracht. Weil mir in der Sekunde aber nichts Besseres einfällt, wiederhole ich noch einmal, dass ich nur noch den Salat fertig mache und dann in den Garten komme. Wutentbrannt, als hätte ich gesagt, dass es nie wieder etwas zu essen gibt, macht das Großkind kehrt und läuft hinaus. Wahrscheinlich heult es sich jetzt beim Mann über seine böse Mutter aus. Das wird sich auch nie ändern, egal, ob im Märchen oder in der Realität, die Mütter sind immer die bösen. Vielleicht sollte ich den morgigen Muttertag doch ein bisschen gut finden und fordern, dass ich wenigstens einmal die liebe Mama spielen darf. Wobei, ich kenne ja meine Kinder. Die halten sich sowieso nicht an Rollenvorgaben. Am liebsten und überzeugendsten spielen sie die Drama-Queen, so wie das Großkind gerade. Lautes Geschrei dringt aus dem Garten durchs Fenster. Scheinbar gehört der Mann heute auch nicht zur lieben Sorte Vater. Fein. Zumindest in dem Punkt funktioniert die Gleichberechtigung noch.

Weil ich es nicht mag, wenn die Kinder die halbe Nachbarschaft zusammen schreien, gehe ich hinaus, um nachzuschauen was los ist. „Ich werde verhuuungern“, begrüßt mich das Großkind und wirft sich theatralisch ins Gras. „Willst du, dass ich sterbe?“. Es erinnert mich an ein Stück von Shakespeare, genauso dramatisch, nur die Sprache ist klarer. Ich bin irritiert. Woher kommt dieses aufgesetzte Gefühl einer Hungersnot? Kann es sein, dass ich in der Quarantäne im Bezug aufs Essen irgendwas falsch gemacht habe? Dass die Abende, die ich vor den Kochbüchern gesessen bin, um Speisepläne und Einkaufslisten zu erstellen und das Lebensmittel-Notfalllager in der Garage etwas damit zu tun haben? Ich fühle mich schuldig und sage „Schatz, wir haben genug. Gleich essen wir.“ Der Duft von gebratenen Würsteln und Quietschkäse steigt mir in die Nase. Mein Magen knurrt. Längst könnten wir alle zusammen beim Tisch sitzen und essen. Stattdessen stehe ich hier und führe Gespräche über Leben und Tod. „Ich will aber jetzt etwas essen. Sonst sterbe ich“, schimpft das Großkind wieder. Und weil auch mein Körper langsam aber sicher in den Hangry-Modus schaltet, höre ich mich sagen „gut, dann zeig mir mal, wie du stirbst“. Der Mann wirft mir einen schiefen Blick zu. Ok, das war jetzt vielleicht wirklich ein bisschen makaber. Ich hoffe, die Nachbarn haben mich nicht gehört und rufen das Jugendamt. Das gäbe wohl gleich die nächste Schlagzeile zum Muttertag. „Kind gerettet. Mutter wollte ihm beim Sterben zusehen“.

„Du bist nicht mehr meine Mama. Ich will dich nie wieder sehen“. Das Großkind steht neben dem Griller und ist on fire. Einen Tag vorm Muttertag kündigt es mir tatsächlich die Kindschaft. Ich muss schlucken, und weiß kurz nicht, ob wegen des verführerischen Würstelgeruchs, der meinen Speichelfluss anregt oder wegen der Trauer über meine plötzliche Kinderlosigkeit. (Das Kleinkind spielt seine Nebenrolle heute übrigens so dezent, dass ich völlig vergesse, ja noch ein zweites Kind zu haben) Langsam gehe ich in die Küche zurück, um den Salat fertig zu machen. Wie in Zeitlupe schneide ich Karotten und Tomaten, als ich merke, dass dieser Moment neben all seiner Dramatik auch etwas Wunderbares birgt. Das Großkind hat gerade mein Muttertags-Dilemma gelöst! Denn ohne Kinder kann ich beim besten Willen keinen Muttertag feiern. Ohne Kinder krieg ich auch keine Geschenke, die mich mir nicht gewünscht habe und muss mich nicht stressen, weil wir das mit der Familienidylle mal wieder nicht hinkriegen. Ich spüre, wie eine riesige Last von meinen Schultern fällt und freue mich auf morgen. Denn Blumen können wir uns ja trotzdem kaufen.

NEUE NORMALITÄT

Das langersehnte Ende der Quarantäne ist da, die Normalität hat uns wieder. Ich fürchte es ist die viel beschworene neue. Denn schon heute Morgen merke ich, irgendetwas ist anders als vor sieben Wochen. Die Kinder springen aus ihren Betten, leeren die Müslischüsseln in einem Tempo, dass mir schwindelig wird und stehen in null Komma nichts angezogen bei der Eingangstür. „Mamaaaa, kooomm!“ Ich schaue in den Spiegel und reibe mir die Augen. Es ist acht Uhr. Müde schiebe ich die Zahnbürste von links nach rechts und versuche mich zu erinnern, welcher Wochentag heute ist. Ah ja, der „Hurra, die Ausgangsbeschränkungen sind vorbei“-Montag. Unmotiviert streife ich mir also eine Jacke über. „Die Mama hat noch den Pyjama an, die Mama hat noch den Pyjama an“, rufen die Kinder, als wir im Stiegenhaus sind. Ich hoffe, es hat sie niemand gehört. Aber wer hat eigentlich gesagt, dass man nicht im Pyjama zum Kindergarten gehen kann? Ach so, ich war das. Nun, die Zeiten haben sich geändert. Sicherheitshalber setze ich mir aber noch eine bad-hair-day-Mütze auf und spaziere mit meinen zwei Windhunden los. Die Wiedersehensfreude ist groß. Das Kleinkind findet sein lang vermisstes Freundschaftsbuch und seinen verloren geglaubten Weihnachtselch. Die anderen Kinder streift es mit einem kurzen Blick. Hauptsache „Elchi“ ist wieder da. Die Sozialkompetenz hat es wohl von mir geerbt. Als ich eine bekannte Mama am Gartentor entdecke, ziehe ich mir die Mütze noch tiefer ins Gesicht und schlurfe vorbei. Um diese Uhrzeit kann ich beim besten Willen keine „Und wie war eure Quarantäne-Zeit so“-Gespräche führen. Eigentlich kann ich solche Art von Gesprächen zu keiner Uhrzeit mehr führen.

Jetzt aber bloß keine Zeit verlieren. Ganze drei Stunden Freiheit warten auf mich. Endlich wieder alleine aufs Klo gehen. Endlich wieder am Telefon einen Satz zu Ende sprechen. Endlich wieder am helllichten Tag Netflix-Serien in Dauerschleife schauen. Das Paradies ist zum Greifen nah, obwohl ich noch gar nicht tot bin. Wobei, ein bisschen tot fühle ich mich heute schon. So im Übergang zwischen den Welten. Ganz ehrlich, mir geht das alles zu schnell. Kann mal bitte jemand die Stopptaste drücken? Gerade eben war ich doch noch dabei mich in meiner kleinen K&K-Welt zwischen Kühlschrank und Kinderzimmer einzurichten, schon soll ich wieder hinaus in die große weite Welt. Klappernde Stöckelschuhe reißen mich aus meinem Post-Quarantäne-Blues. Werde ich verfolgt? Nein, bloß eine Mama mit Kleinkind im Arm, die an mir vorbei läuft. Glänzende Haare, strahlende Augen, Wimpern so lange wie meine Achselbehaarung. Auf der anderen Straßenseite telefoniert ein Papa in dunkelblauem Anzug. An der einen Hand ein farblich perfekt auf ihn abgestimmtes Kind, an der anderen ein schneeweißer Eisbär. Die neue Normalität macht mir Angst, und ich schaue, dass ich schleunigst nachhause komme. Völlig außer Atem werfe ich mich auf die Couch. Mein Herz rast, ich schwitze und habe das Gefühl mich übergeben zu müssen. Vor ein paar Tagen hätte ich aufgrund der ungewohnten Reaktionen meines Körper noch vermutet Covid-19 positiv zu sein. Der Gedanke kommt mir jetzt absurd vor. Denn die Gefahren da draußen sind viel größer, viel furchterregender. So habe ich mir den Ausbruch aus dem Mama-Gefängnis definitiv nicht vorgestellt.

Auch zuhause werde ich das Gefühl von „etwas stimmt hier nicht“ nicht los. In der Wohnung ist es viel zu still. Niemand jammert, niemand schreit, niemand imitiert Babygeräusche oder einen sterbenden Schwan. Ich drehe den Geschirrspüler auf, um mich nicht ganz so alleine zu fühlen. Im Stiegenhaus höre ich eine Tür knallen, vor dem Haus ein Auto wegfahren. Endzeitstimmung wie in „The day after tomorrow“. Wenn wenigstens ein paar Außerirdische kommen und mich entführen würden. Dann hätte meine Panik zumindest eine allgemein gültige Berechtigung. Um mich abzulenken, schlage ich meinen Terminplaner auf, der seit Wochen unbenutzt auf dem Schreibtisch liegt. Er riecht immer noch so, als hätte ich ihn gerade ausgepackt, und die meisten Seiten sind noch jungfräulich. Ich überlege, wo ich den Kassenzettel habe und ob ich den Kalender vielleicht noch zurückschicken kann, klicke mich dann aber lieber durch die Sozialen Netzwerke. Unglaublich was sich da plötzlich tut. Bilder vom Friseurbesuch, von der ersten Shoppingtour oder vom neuen Alltag im Büro. Überfordert lege ich mein Handy weg und ziehe mir mal den Pyjama aus. Nur nicht übertreiben. Sieben Wochen lang haben die Kinder das Tempo und die Aktivitäten vorgegeben, und jetzt soll ich mich plötzlich um mich selbst kümmern und wissen was ich will?

Wobei, wenn ich ehrlich bin, weiß ich eh, was ich will. Ich will mein Quarantäne-Leben zurück. Ich will, dass man mir, wie damals in der Schule, genau sagt, was ich tun soll. Dass ich aufhören soll mich für die alten Römer zu interessieren, weil jetzt Mathe kommt. Oder, dass ich erst essen darf, wenn die Pausenglocke läutet und nicht, wenn ich Hunger habe. Mit den Kindern zuhause war es ganz genauso. Klare Vorgaben, strenge Lehrer und meine individuellen Bedürfnisse nicht erwünscht. Und, auch, wenn es oft nicht die Erfüllung war, so war es wenigstens vertraut. Mit diesem Wunsch nach Beständigkeit bin ich übrigens nicht alleine. Die Neurobiologie bestätigt, dass 80 Prozent der Menschen lieber stur an einer bekannten Umgebung festhalten, statt etwas zu verändern. Selbst wenn es ihnen dort schlecht geht. Ja, und, was soll ich jetzt tun? Weil ich auch mal wo gelesen habe, dass es in solchen Situationen helfen kann brav Automatisiertes auszuführen, stelle ich Teewasser hin, räume die Waschmaschine ein und gehe unter die Dusche. Dann sind die drei Stunden Freiheit eh schon wieder um. Ein Löwe im Zoo hätte es bei offener Käfigtür wohl nicht viel anders gemacht.

Aufgeregt mache ich mich auf den Weg in den Kindergarten. Gleich bin ich in Sicherheit, gleich wird alles wieder so sein, wie immer. Ich freue mich darauf meine Kinder in die Arme zu schließen. Doch die Freude ist einseitig. Schmerzhaft wird mir bewusst, meine Kinder gehören zu den anderen 20 Prozent der Menschen, den Sensation Seekers, die genetisch bedingt mehr Spaß an Neuem haben. „Mamaaaa“, raunzt das Großkind, als es mich sieht. „Du bist viel zu früh. Ich wollte noch länger spielen.“ Das Kleinkind ignoriert mich gleich völlig. Als es mich doch anschaut und in mir seine Mutter erkennt, läuft es schreiend davon. Gut, ich hatte schon lange nichts anderes als eine Jogginghose an, aber so verändert bin ich nun auch wieder nicht. Der Wind bläst mir ins Gesicht und ein „Ich zieh sicher nicht meine Jacke an“ gleich dazu. Mich fröstelt. Aber, ja, genau so wollte ich es. Und plötzlich merke ich, die neue Normalität ist gar nicht so neu. Im Grunde ist sie mir ganz schön vertraut. 

ALKOHOL

Ich fürchte, ich habe die letzten Tage zu viel Alkohol getrunken. Mein Schädel brummt, und wenn ich zu schnell aufstehe, wird mir schwindlig. Dabei habe ich nur den Rat meiner besten Freundin befolgt. „Du willst die himmlische Familie? Dann solltest du mehr trinken“. Ich gebe zu, es hat mich ein bisschen Überwindung gekostet, aber ich habe es tatsächlich ausprobiert. Die Folgen sind, bis auf meine Körpersymptome, verblüffend. Die Kinder sitzen auf der Couch, Schulter an Schulter, und schlecken friedlich ein Eis. Klar, man könnte die Harmonie jetzt aufs Eis schieben, aber es war auch heute Früh schon so. Groß- und Kleinkind haben einfach so mal zwei Stunden miteinander gespielt. Ohne schreien, ohne beißen und ohne „dann bin ich nicht mehr deine Schwester“-Drohungen. Wie kann das sein? Ich habe heute doch noch gar nichts getrunken. Aber scheinbar ist das mit dem Alkohol, wie mit den meisten Ungeziefersprays – es gibt eine Langzeitwirkung. Und, es ist ebenso benutzerfreundlich: einfach einnehmen, warten und die Schädlinge sind beseitigt.

Weil ich es aber nicht gleich übertreiben will, beherzige ich den Rat meiner Freundin erst am Nachmittag. Ich trinke meinen Jausen-Kaffee – ich weiß, das ist sowas von biedermeier! – jetzt mit Schuss. Wenn sich die Kinder dann streiten, lehne ich mich entspannt zurück und schaue einfach nur zu. Ich stelle mir vor, es sind fremde Kinder, die sich da anbrüllen und mit Sand bewerfen. Und meist habe ich dann auch gleich Mitgefühl für die fremde Mutter, die am Abend, ähnlich wie bei einem Läusebefall, in mühevoller Kleinstarbeit die Haare sauber kriegen muss. Diese Distanz ist herrlich und wirkt sich interessanterweise auch auf die Kinder aus. Je weniger ich ihrem Streiten Beachtung schenke, desto schneller ist es vorbei. Macht wahrscheinlich nicht so viel Spaß, wenn keiner bei ihrem Improtheater mitmacht. Apropos Theater. Ich war bisher ja eher so die „in Gesellschaft Trinkerin“, bin in der Not aber durchaus bereit Neuland zu betreten. Und so habe ich mich beim letzten Einkauf mal genauer im Spirituosenregal umgesehen und eine grandiose Entdeckung gemacht. Es gibt tatsächlich Rumkugeln in ausschließlich flüssiger Form. Der Himmel auf Erden quasi. Warum hat mir das bisher keiner gesagt? Ich hätte mir eine Menge grauer Haare und Therapiestunden erspart.

Gut, jetzt weiß ich es ja und bin sehr glücklich. Denn der Rumkugel-Likör wirkt gleich in zweifacher Hinsicht. Erstens macht er das Familienleben friedlicher, und zweitens muss ich mich nicht mehr wie eine Schwerverbrecherin fühlen, wenn ich Lust auf Schokolade habe . Es ist ganz schön erniedrigend sie heimlich zu essen. Außerdem werde ich ständig dabei ertappt. Selbst, wenn ich mich schmatzend im Klo verstecke, höre ich danach vorwurfsvoll: „Mama, was hast du gegessen?“ Meine Kinder sind wie Drogenspürhunde. Sie riechen Zucker, auch wenn er schon halb verdaut ist. Und, weil ich so schlecht lügen kann, muss ich mich dann meist stundenlang rechtfertigen. Mit dem Rumkugel-Likör ist das jetzt endlich vorbei, denn Kaffeegeruch mochten die Kleinen noch nie.

Heute Früh musste ich jedoch schmerzlich feststellen, dass Alkohol, auch in der süßesten, dunkelbraun schimmernden Form, keine Lösung ist. Wie mir mein pochender Kopf rückmeldet, habe ich es gestern wohl etwas übertrieben. Jetzt brauche ich für mein Projekt „himmlische Familie“ eine Alternativ-Strategie. Während ich mir einen weiteren Kamillentee für meinen flauen Magen mache, springt mir die Lösung förmlich ins Gesicht. Kann es sein, dass ich den Rat meiner besten Freundin falsch verstanden habe? Dass sie mit dem Trinken etwas Anderes gemeint hat? Also, etwas anderes als Alkohol? Ich starre auf die Tee-Packungen vor mir und lese „Abend Tee“. Ja, natürlich! Wenn ich den „Abend Tee“ schon am Morgen literweise trinke, und die Kinder ebenso, müsste es doch schneller Abend werden. Sonst würde das doch nicht so groß auf der Packung stehen, gleich unter dem Bild einer Wunderlampe. Ich spüre, ich bin auf der richtigen Fährte. Denn, wenn die Kinder im Bett liegen und schlafen, stellt sich das „himmlische Familie“-Gefühl immer ganz von selbst ein. Aladin sei dank! Das Projekt geht also in die nächste Runde. Gleich morgen werde ich das Teetrinken ausprobieren. Was kann dabei schon schief gehen, außer, dass ich den halben Tag am Klo verbringe?

HOCHBEET

Alle reden davon, dass es in Zeiten wie diesen wichtig ist, in seiner eigenen Mitte zu sein. Sich zu erden. Weil ich gerne den einfachen Weg gehe, war ich heute im Baumarkt und habe ein paar Säcke Erde gekauft. Und ein Hochbeet. Zum Einen, weil wir im Sommer, ohne Aussicht auf Reisen, Beschäftigung brauchen. Zum Anderen, weil ich für den Fall eines neuerlichen Lockdowns vorbereitet sein will. Eigentlich bin ich ja nicht so der ängstliche Typ. Aber seit die Kinder auf der Welt sind ist es mit der Coolness vorbei. In vielerlei Hinsicht. Als ich Ende letzten Jahres gelesen habe, dass ein Blackout jederzeit möglich ist und man dafür gewappnet sein sollte, habe ich in unserer Garage eine Greisslerei eingerichtet. Neben Winterreifen und Rasenmäher stapeln sich jetzt Dosen mit Gulasch und Linseneintopf. Ich war der Corona-Krise quasi einen Schritt voraus. Jetzt sind wir nicht nur allzeit bereit für einen Shutdown, sondern auch für den nächsten Campingurlaub. Fraglich nur, ob es den heuer geben wird. Deshalb also ein Hochbeet. Kostet ungefähr genauso viel.

Mit Mundschutz und Kleinkind bewaffnet, wage ich mich heute also in den berühmt berüchtigten Baumarkt. Die Bilder der Schlangen vor dem Eingang haben mich bisher davon abgehalten. Außerdem fand ich diese Art von Geschäft schon immer unheimlich. Denn von den meisten Dingen, die man dort bekommt, kenne ich nicht mal den Namen, geschweige denn weiß ich, wofür man sie verwendet. Und, wenn ich mal doch sowas Banales wie Schrauben brauche, bin ich heillos überfordert. Denn natürlich gibt es dort gleich ein ganzes Schrauben-Universum. Einen Verkäufer um Hilfe zu bitten, macht die Sache meist nicht besser. Denn entweder stellt er mir dann lauter Fragen, die ich eh nicht beantworten kann oder er redet von vornherein mit mir, als hätte ich keine Ahnung. Ok, ich habe keine Ahnung. Trotzdem würde ich gerne so behandelt werden, als wüsste ich, was Bi-Metallschrauben mit Senkkopf sind.

Heute ist es einfacher. Ich habe im Vorfeld recherchiert und weiß genau, was ich will. Aufgeregt schiebe ich den Einkaufswagen also in Richtung Gartenabteilung. Vorbei an Bohrmaschinen, Malerwerkzeug und ganzen Toiletten, die das Kleinkind so sehr in seinen Bann ziehen, dass wir einen Stopp einlegen müssen. Vor allem die bunten Klodeckel haben es ihm angetan. Und, so philosophieren wir eine Weile darüber, warum wir zuhause keinen Deckel mit Muschelmuster haben. Erst ein dickbäuchiger Mann, ganz in weiß, ist offenbar interessanter. Fettige Haare am Kopf, Flip Flops an den Füßen. Er sieht aus wie ein gefallener Engel oder Iggy Pop in blad. Ich habe allmählich sowieso das Gefühl auf einem Festival zu sein. Genauso viele Menschen, und die meisten davon tragen, wie am Frequency oder Nova Rock, Fan-Kleidung. Unschwer ist zu erkennen, in welcher Abteilung sie in der ersten Reihe stehen. Die Bau-Fans tragen Blaumann und Schuhe mit Stahlkappen, die Farben- und Lacke-Fans haben Hosen im Batik-Stil an. Nur die Menschen in der Gartenabteilung sehen so aus, als wären sie zufällig hier.

Mit Erde, Brettern und bunten Sitzpölstern, die ich in den Einkaufswagen gepackt habe, damit das Kleinkind gemütlicher sitzen kann, stehe ich an der Kasse und halte Abstand. Unvermutet schiebt sich ein älterer Herr mit leerem Wagen sehr nah an mich heran. Er zwinkert mir zu. Na, bravo, kaum 40 geworden, falle ich schon in das Beuteschema von Pensionisten. „Würden Sie mich bitte vorbeilassen? Ich möchte nur raus“, sagt der Mann höflich. Ach so. Ja. Nach ein paar Minuten eine ähnliche Szene. Dieses Mal ist es zumindest eindeutig, dass es kein Anmachversuch ist. Wieder nur ein Fall von „hab nur gschaut“. Ich lasse das ältere Ehepaar mit leerem Einkaufswagen vor, damit es Richtung Ausgang gehen kann und wundere mich. Wieso fährt man extra mit dem Auto zum Baumarkt, um dann nichts zu kaufen? Nicht mal einen Schraubenzieher oder einen Blumentopf? Obwohl ich durch den Mundschutz kaum Luft bekomme, kriegt mein Gehirn zum Glück noch genügend Sauerstoff. Natürlich! Baumärkte werden derzeit als Ausflugsziel genutzt, als Ersatz für Freizeitparks und geschlossene Museen. Es ist wie mit dem Besuch der „Mona Lisa“ im Louvre oder der letzten Bruegel Ausstellung in Wien.  Alle gehen hin, aber keiner kann mit den Kunstwerken so recht was anfangen. Hauptsache, been there, done that.

Das Kleinkind, das sich langsam an den Plastikblumen und Blumenzwiebeln zum halben Preis satt gesehen hat, wird quengelig. Es will „endlich mit dem neuen Hochbett“ nachhause. Während ich mir vorhin noch gedacht habe, ich hätte mich verhört, bin ich mir jetzt ganz sicher. Das Kleinkind hat „Hochbett“ gesagt. Vielleicht war es deshalb so euphorisch, als ich erklärt habe, dass man darin Karotten und Tomaten anbauen kann? Und, dass wir es im Garten aufstellen. Es war schon immer ein Outdoor-Freak. Ich fürchte, die Enttäuschung wird groß sein, wenn wir das Ding dann aufstellen und das Kind nicht darin schlafen darf. Deshalb nehme ich sicherheitshalber noch einen Sack Erde mit. Denn ich spüre, ich werde sie brauchen. Dringend. Für die eigene Mitte und die Erdung.

PLÖTZLICH PRINZESSIN

Seit die Kinder auf der Welt sind, lebe ich wie im Märchen. Ständig umgeben von Figuren wie Rumpelstilzchen, Suppenkaspar und guten Feen, die mir nur leider nie einen Wunsch erfüllen. Märchen können ganz schön grausam sein. Denn statt einer Königin in einem prunkvollen Schloss, bin ich meist nur die fleißige Magd. Ab jetzt ist das aber Geschichte.

Vor ein paar Tagen haben die Kinder beschlossen, dass sie in der Wohnung mehr Platz zum Spielen brauchen. Kinder- und Wohnzimmer sind mittlerweile zu klein geworden. Verständlich. Zwischen Bauklötzen, Barbie-Wohnlandschaften und Fantasiewesen aus Klopapierrollen kann man ja kaum mehr durchgehen. Wie also spielen? Und so nehmen die Kinder kurzerhand das Elternschlafzimmer in Beschlag. Ehe ich protestieren kann, bauen sie schon Höhlen im Doppelbett und kämpfen gegen Drachen. Sie verwandeln das Zimmer in einen Hindernisparcours und nutzen das Bett als Trampolin. Ich lerne, echte Abenteuer finden dieser Tage nicht in den Köpfen, sondern in den Schlafzimmern statt. Weil die Kinder aber so schön spielen, störe ich sie nicht. Was soll schon passieren? Stifte und Kleber sind sicher im Schrank verwahrt, und auch die Seifenblasen-Dose ist zum Glück schon am Wohnzimmerteppich verschüttet worden. Also, alles gut. Alles gut, denke ich mir auch, als ich in der Nacht vom Urlaub am Meer träume. Nicht von ungefähr. Denn in echt wären wir gerade in Kuba. Doch der Urlaub, der letzte längere, bevor das Großkind in die Schule kommt, musste storniert werden. Aber hey, wer braucht schon einen Rüschenrock aus Havanna, wenn er einen Mundschutz mit Eulen haben kann? Und wer heiße Salsa-Rhythmen, wenn er zu „My Corona“ von Chris Mann tanzen kann? Nein, ich trauere unserem Urlaub in keinster Weise nach.

Immerhin kann ich ja davon träumen. Davon, dass ich am Strand einen Cuba Libre trinke, meine Füße im weißen Sand vergrabe und mir die Sonne auf den Bauch scheinen lasse. Es ist herrlich. Ein, zwei Sekunden lang. Bis mich die Kinder mit Sand bewerfen und bis zum Kopf eingraben. Mein Traum wird zum Albtraum, und so wache ich gegen drei Uhr Früh schweißgebadet auf. Das Gefühl überall am Körper Sand kleben zu haben, verschwindet aber nicht. Kann es auch nicht, denn das Kleinkind hat am Nachmittag offenbar den körnigen Inhalt seines Hosenumschlags im Bett ausgekippt. Das erklärt auch, warum der Sand in der Sandkiste im Garten immer weniger wird. Der Mann hat sich schon gewundert. Ich überlege, ob ich eine Sandburg oder doch eine Schildkröte formen soll, als mich die Müdigkeit übermannt und ich tatsächlich wieder einschlafe. In der Früh bekomme ich dann die nächsten Überreste der kindlichen Abenteuer zu spüren. Die Rückseite meiner linken Schulter schmerzt. Ich will es schon als Zeichen des Alterns deuten, als ich zwischen Pölstern und Decken eine Kluppe finde. Das gibt eine saftige Standpauke, denke ich, ehe mich eine Erkenntnis trifft, auf die ich schon mein Leben lang warte. In der Pubertät war ich mir ziemlich sicher, dass ich adoptiert worden bin. Zugegeben haben es meine Eltern bisher nicht. Aber jetzt habe ich den Beweis schwarz auf weiß. Blaues Blut fließt durch meine Adern. Ich bin eine Prinzessin! Seit Hans Christian Andersens „Prinzessin auf der Erbse“ wissen wir ja, dass nur Adelige eine Erbse bzw. im Jahr 2020 halt eine Kluppe, unter sich im Bett spüren können. Leichtfüßig hüpfe ich nun aus den Federn. Die stechenden Schmerzen in meiner Schulter sind vergessen. Ich muss dem Mann und den Kindern sofort die frohe Botschaft überbringen. Wie schön, ich bin tatsächlich eine Prinzessin, und ab jetzt verhalte ich mich auch so.

SEBASTIAN

Hätte ich geahnt was heute Nachmittag auf uns zukommt, hätte ich die Wohnung niemals verlassen. Motiviert und so als hätte ich wochenlang nichts Aufregendes erlebt – ach ja, ich habe wochenlang nichts Aufregendes erlebt. Mein Gefühl ist dieses Mal also nicht übertrieben – packe ich Gatschhosen, Käsebrote ohne Käse und diverse erzieherische Feinkniffe in den Rucksack und mache mit den Kindern einen Ausflug. Ich suche eine Route im Grünen, die genug Abenteuer für die Kleinen und genug Entspannung für mich bietet. Mit einem Bach zum Rumpantschen und Erdhaufen zum trickreichen Radfahren. Die Idee mit dem Radfahren hatten natürlich nicht nur wir, sondern auch zwei Burschen mit jungfräulichem Haarwuchs im Gesicht. Immer und immer wieder fahren sie an uns vorbei, die kleinen Hügel hinauf und wieder hinunter. Dabei strecken sie, in einer Art modernem Ausdruckstanz, Arme und Beine von sich und knallen uns obszöne Worte vor die Füße. Von zwei Meter Abstand kann jedenfalls nicht die Rede sein. Weil ich die letzten Tage eh schon genug gestritten habe, sage ich erstmal nichts. Die Burschen hingegen schon. Dass die Fahrräder der Kinder zu nah an der Strecke parken, und dass das nicht leiwand ist. Nicht leiwand fürs Driften. Bevor ich nachgrübeln kann, was driften nochmal genau bedeutet, sitze ich schon in einer Wolke aus Staub. Danke, so genau wollte ich es gar nicht wissen.

Nur damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Die Fahrradstrecke ist ein ausgetretener Pfad in einem kleinen Waldstück. Kein Dirtbike-Areal mit aufgemalten Linien oder Parkschildern. Es ist genug Platz für uns alle da. Und genau das erkläre ich den beiden Fahrrad-Rowdies – in klarer Sprache, andächtigem Tonfall und mit elterlichem Blick. Schließlich bin ich ja eine Autoritätsperson. Doch das sehen hier nicht alle so. Als Antwort bekomme ich ein Naserümpfen und eine weitere Staubwolke. War die Welt da draußen schon immer so feindselig oder bin ich in der Quarantäne einfach sensibler geworden? Während ich so nachdenke, dem Singen der Vögel lausche und meinen Kindern beim Nachlaufen zuschaue, spüre ich, wie ich mich entspanne. Seit Wochen zum ersten Mal. Zumindest fühlt es sich so an. Bis eine Bubenstimme meine Idylle erschüttert. „Sie könnten schon besser auf ihre Kinder schauen“. Ich muss husten. Der Corona-Virus? Nein, wieder nur Staub. „Ihre Kinder laufen über den Weg und stören uns mega beim Radfahren“. Wenn King of the bike auch noch sagen würde, dass meine Kinder ein bisschen leiser sein sollten, würde es mich nicht wundern. Zurechtweisungen dieser Art bin ich gewohnt – von älteren Damen im Supermarkt oder frustrierten Managern in zu engem Laufdress. Aber von 12-Jährigen?

Ich versuche wieder staatstragend und vernünftig zu erklären, dass wir uns hier doch alle gleich frei bewegen könnten, schon sind die Burschen wieder weg. Zur Abwechslung lassen sie ein paar neue Schimpfwörter da. Danke, mir ist langsam eh schon fad geworden. Nun bin ich wieder beschäftigt und darf meinen Kindern erklären was „Hurensohn“ und „Orsch“ bedeutet. Genau so hab ich mir unseren lang ersehnten Ausflug vorgestellt. Allgemeinbildend und Blutdruck erhöhend. Ich überlege schon, ob die völlige Isolation nicht doch besser für meine Gesundheit ist, da sind die zwei Halbstarken wieder zurück. Wie bei einem Formel 1-Rennen drehen sie ihre Runden. Es ist genauso monoton und unerträglich, und in meinen Ohren dröhnt es. Ich frage mich, wie viele Runden sie wohl noch fahren müssen und wie viele Boxenstopps es gibt, als sich schon der nächste ankündigt. Der Kleinere der beiden bremst sich vor mir ein, schaut mir tief in die Augen und sagt „Sie schauen genauso aus wie die Bundeskanzlerin von der ÖVP“. Ich schwöre, genau so hat er es gesagt. Ich will schon erwidern, dass Sebastian Kurz doch viel größere Ohren hat als ich, und dass er ja,trotz etwas hoher Stimme, ein Mann ist, sage dann aber sicherheitshalber nichts. Ich räuspere mich nur und falte unbewusst die Hände vor meinem Bauch. Da durchfährt es mich wie ein Blitz. Verdammt, genau das macht der Sebastian auch immer. Wie kann das sein? Bin ich in der Quarantäne mutiert oder habe ich einfach zu viel Nachrichten geschaut? Hilflos schicke ich, wie es sich für eine konservative Bundeskanzlerin gehört, ein Stoßgebet zum Himmel: „Bitte lieber Gott, lass mich alles sein, nur nicht der Sebastian!“

MORDLUST

Das Familienleben ist endlich wieder im Gleichgewicht. Denn langsam aber sicher zeigen auch die Kinder ihr wahres, diabolisches Gesicht. Vielleicht liegt es aber auch nur an den zuckrigen Nachwehen von Ostern. Wobei, in punkto Süßigkeiten ist mittlerweile die Ausnahme die Regel. Nach dem Essen, egal ob in der Früh oder zu Mittag, verlangen die Kinder eine Nachspeise. Heute gibt es nach dem Mittagessen Obst. Vier Augen schauen mich ungläubig an. Ich hätte genauso gut Styropor oder Alufolie servieren können. „Das ist ja keine Nachspeise“, sagt das Großkind und rümpft die Nase. Motiviert beginne ich ein Verkaufsgespräch und preise die Vorzüge von Vitaminen an. Ich komme mir dabei vor wie ein Versicherungsvertreter oder ein Mitglied der Zeugen Jehovas, nur besser gekleidet. Auf dem Tisch vor uns liegen eine Mango, ein Apfel und Erdbeeren. Hallo!? Zum ersten Mal seit mindestens einem halben Jahr gibt es wieder Erdbeeren. Schokolade dagegen täglich, seit Beginn der Corona-Krise. Nein, eigentlich seit dem letzten Nikolo. Was soll daran noch besonders sein? Doch die Kinder bleiben hartnäckig. Ich lerne, Obst ist, außer vielleicht im Kindergarten, keine Nachspeise. Sicherheitshalber pinne ich mir diese Info an die Kühlschranktür. Falls ich das nächste Mal keine Lust zu kochen habe, weiß ich, was wir essen – Erdbeeren. Denn die sind seit heute eine Hauptspeise.

Weil mich die Freude über meine eigene Schlauheit milde stimmt, kriegen die Kinder nach dem Mittagessen die Reste vom Osterfest. Damit sind sie wenigstens den Nachmittag über beschäftigt. Beim Abendessen grüßt erneut das Murmeltier. Kaum habe ich den ersten Bissen geschluckt, werde ich gefragt, was es als Nachspeise gibt. Also, eigentlich reden wir während des gesamten Abendessens über das Essen danach. Ich versuche es nicht persönlich zu nehmen. Schließlich bin ich über eine Stunde in der Küche gestanden und habe etwas zu kochen versucht, das eine halbwegs vernünftige Menge an Nährstoffen beinhaltet und den Kindern trotzdem schmeckt. Es gibt wahrlich befriedigendere Kocherlebnisse. Aber ich will nicht kleinlich sein. Immerhin sind die Teller der Kinder fast leer, und wir haben miteinander geredet. Schafft ja auch nicht jede Familie beim Essen. Das Großkind verlangt also eine Nachspeise. „Eh nur eine kleine. Ein Gummibärli oder so.“ Ich greife in meine Vernunft-Schatzkiste und erkläre, dass Zucker am Abend schlecht für den Schlaf ist, und dass man davon böse Träume kriegt. Manchmal funktioniert das. Heute bewirkt es das Gegenteil. „Du bist so eine blöde Mama. Du bist die gemeinste von allen“. Verstehe. Früher waren die Beleidigungen wenigstens noch subtiler à la „dann lade ich dich nicht mehr zu meiner Geburtstagsfeier ein“. Unschuldig und süß. Nicht so süß hingegen ist, was dann kommt.

„Ich will ein Gummibärli“. „Nein“. „Gut, dann töte ich dich“. Funkelnde Kinderaugen sehen mich an. Ich hätte mit vielem gerechnet, aber nicht mit solch schnörkelloser Mordlust. Wo kommt die plötzlich her? Normalerweise hätte ich den Buben im Kindergarten die Schuld gegeben. Schlechter Einfluss und so. Aber meine Kinder sind seit über vier Wochen daheim. Ich bin irritiert, versuche mir aber nichts anmerken zu lassen. Weil ich immer noch meine Vernunftkiste geöffnet habe, sage ich mit ruhiger Stimme: „Wenn du mich tötest, hast du aber keine Mama mehr. Dann können wir nicht mehr kuscheln…“ Und in dem Moment fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich! Der Mann und ich haben gestern, als die Kinder schon geschlafen haben, einen Krimi geschaut. Da kam der Satz „ich töte dich“ mehrmals vor. Die Wände unserer Wohnung sind dünn, und so konnten die Worte des Killers direkt ins Unterbewusstsein meines Kindes wandern. Ich habe keine Zeit darüber nachzudenken, welche Filme wir sonst so schauen und was das bei meinem Kind bewirken könnte, denn die Mordlust nimmt zielstrebig ihren Lauf. Wütend packt das Großkind das Osterei, das in einer Ecke des Esstisches liegt – ein Nachzügler, der, weil er zu spät bemalt wurde, es nicht mehr auf den Osterstrauch geschafft hat – und zerquetscht es. Einfach so. Mit stoischem Blick und ohne ein Wort.

Ich schaue auf die bunten Schalen, die am Boden liegen und drifte ab. Ich erinnere mich, dass der Mann und ich in der Weihnachtszeit den Vierteiler „Der Seewolf“ geschaut haben. Einen Filmklassiker, in dem der Hauptdarsteller eine offenbar rohe Kartoffel mit der bloßen Hand zerdrückt. In den 70ern wurde viel darüber diskutiert. Diskussionsbedarf haben wir jetzt auch. Der Mann und ich müssen dringend unseren Filmkonsum überdenken. Romantic Comedies statt Thriller. Tierdokus statt Krimis. Immerhin geht es um die Psyche unserer Kinder. Und während ich verstört dasitze und einen Plan schmiede, reißt mich das Großkind aus meinen Gedanken. „Und, Mama, darf ich jetzt ein Gummibärli?“.